6. Shanghai Biennale

Shanghai Fever

Sabine B. Vogel
19. September 2006
6th Shanghai Biennale, Shanghai Art Museum.
6. September bis 5. November 2006

Von Kinderbüchern wie „Wir leben in China“ (Knesebeck Verlag) bis zu Kunstausstellungen wie „China Now“ (Sammlung Essl, Klosterneuburg/Wien): China ist angesagt. Das war auch zur Eröffnung der 6. Shanghai Biennale zu spüren. Anders als zur nahezu zeitgleichen 1. Singapur und 6. Gwangju Biennale reisten Museumsdirektoren, Kuratoren, Kritiker und Sammler aus aller Welt, vor allem aus US-Amerika, in die „Stadt über dem Meer“. Anreiz dazu schafft nicht nur die Biennale selbst, sondern die Menge an chinesischer Kunst, die zurzeit in der Stadt zu sehen ist.

Das Zhu Qizhan Art Museum zeigt unter dem Titel „Lets get real“ junge chinesische Kunst, kuratiert vom ebenso jungen Kurator Leo Xu. Zu sehen sind beispielsweise die faszinierenden Comics von Tao Jin und das eindrückliche Video von Lu Ying, in dem eine Frauen- und eine Männerhand voller Harmonie gemeinsame Tätigkeiten ausführen. Das Privatmuseum MoCA gleich neben dem Shanghai Art Museum im People´s Park präsentiert in seiner Ausstellung „Entry Gate: Chinese Aesthetics of Heterogeneity“ 60 Künstlerinnen und Künstler, darunter auch der aus Rumänien stammende und in New York lebende Serge Spitzer mit seiner in Zusammenarbeit mit Ai Weiwei entstandenen Vasen-Installation und der belgische Künstler Wim Delvoye. Letzterer betreibt seit 2 Jahren eine Schweinefarm in Peking und tätowiert die Schweine – lebende Kunstwerke in einem Land, wo diese Art der Körperkunst eine große Tradition besitzt. In der MoCA-Ausstellung zeigt der Belgier 100 Puppen-Miniaturen seiner selbst mit Tätowierungsgerät in der Hand.

Thema im MoCA ist die Frage nach dem Chinesischen in der chinesischen Kunst – beantwortet wird sie zwar nicht, dafür aber im weiten Bogen zur Diskussion gestellt. Dieser Bogen ist gespannt vom Rückgriff auf Traditionen wie in Qiu Jies Blei-Zeichnungen voller historischer West- und Ost-Szenen oder Wang Xiaohuis Video My last hundred years, das im Schnelldurchlauf Zeitgeschichte anhand von Frauenmode demonstriert, bis hin zu Du Zhenjuns interaktiver Videoinstallation, in der bei richtiger Berührung der Sensoren auf dem Boden Blätter durch die Luft fliegen.

Die Shanghai Biennale dagegen wagt sich an eine Antwort heran: „Hyperdesign“ lautet das diesjährige Thema. Nach ihrer Gründung 1996 war die Shanghai Biennale in ihren ersten beiden Editionen rein national. Erst zur 3. Biennale unter der Leitung von Hou Hanru – jetzt Kurator der Istanbul Biennale 2007 – begann die internationale Ausrichtung. Mit „Hyperdesign“ stellt Shanghai einen neuen Begriff zur Diskussion, der zugleich ein Wegweiser sein soll. Traditionell kennt die chinesische Kultur keine hierarchische Unterscheidung zwischen angewandter und freier Kunst. „Hyperdesign“ als Botschaft Chinas an die Welt, als Inbegriff der Gleichzeitigkeit von Tradition und Gegenwart – auch wenn das im alltäglichen Leben ganz anders aussieht. So befindet sich ein allzu großer Teil antiker Möbel und Schmuckgegenstände im westlichen Ausland, liegen die meisten und wichtigsten Werke aus den ersten Jahrzehnten der chinesischen Gegenwartskunst ab Mitte der 1970er Jahre in den Lagern des ehemaligen Schweizer Botschafters Uli Sigg und reißt die Regierung in den chinesischen Städten nach und nach sämtliche historische Stadtviertel ab.

Das Biennale-Kuratorenteam mit Zhang Qing, Hung Du, Shu-Min Lin, Wonil Rhee, Gianfranco Maraniello, Jonathan Watkinds und Xiao Xiaolan packt das Thema detailliert an und formuliert die drei Kapitel „Design and Imagination“, „Practice of Everyday Life“ und „Future Constructions of History“. Im Museum, das 1930 als Clubhaus des Shanghai Raceclub gebaut und anschließend von der japanischen, dann von der US-Armee genutzt wurde, werden knapp 100 Künstlerinnen und Künstler aus 25 Ländern auf vier Etagen ausgestellt, dazu einige Skulpturen rund um das Museum. Bemerkenswert sind Shi Jinsongs futuristisch aussehende Motorräder, die sich als umgebaute, funktionstüchtige Traktoren entpuppen. Aus zwei offen stehenden Garagen schallt Musik, die mit buddhistischen Tempelgesängen beginnt und bei Rock endet. Immer wieder treffen in den Werken der Biennale Geschichte und Moderne sowie verschiedenste Traditionen aufeinander, etwa wenn Li Lihong die Stufen im Museum mit Keramikkacheln beklebt oder Zhan Wang transparente Buddha-Figuren mit Tabletten füllt. Rein weltlich greift Liu Jianhua das Thema auf, wenn er aus einem Container Tausende von Alltagsobjekten herausquellen lässt. Auch auf der Singapur Biennale und in der aktuellen China-Schau der Wiener Sammlung Essl sind derzeit die Keramikobjekte Jianhuas zu finden.

Bisweilen ist das Biennalen-Thema etwas schlicht übersetzt. So inszeniert Caro Niederer in ihren Fotografien aus Objekten und kleinen Gemälden feine Arrangements, zeigt Kristian Ryokan Bilder von Alltagsobjekten und Logos, Thomas Demand seineSportscars und Julian Opie seine Striptease-Tänzerinnen, daneben die futuristischen Rennwagen von Tesuya Nakamura, Jorge Pardos T-Shirts und Plamen Dejanoffs tiefgehängte Holzlampen. Wunderschön poetisch dagegen greift Massimo Bartolini in den Alltag ein, wenn er einen kleinen Lagerraum in das Kunstwerk 40 cm higher verwandelt: Wir stehen auf einer eingezogenen Zwischendecke im Raum, der Boden der Dinge ist verborgen.

Zu den bemerkenswertesten Beiträgen gehören Wang Guofengs Fotografien von Macht-Architekturen der 1950er Jahre, die er bereinigt. Weder Schrift noch Menschen noch Autos stören den frontalen Blick auf die monumentalen Gebäude, die in ihrer Architektur Geschichte, in ihrer Ästhetik Politik, Macht, Repräsentation spiegeln. Hier wird der Begriff „Hyperdesign“ fast auf die Spitze getrieben, wenn sich kulturelle und politische Transformation intensiv bildlich spiegeln.

Eine höchst suggestive Bildsprache findet auch Qiu Anxiong, dessen Animationsvideo 9/11 zum Ausgangspunkt nimmt: In der Technik traditioneller Tuschemalerei erzählt Anxiong von der Verbindung zwischen Ölförderung, Pipelines und Bomben. Panzer sind Elefanten, Pipelines graben sich wie Würmer durch das Land und aufsteigende Engel werden zu mörderischen Flugzeugen. The New Sutra of the mountains and the oceans – so der Titel in Anspielung auf ein historisches Buch chinesischer Mythologie – erzählt von unserer gegenwärtigen Welt. Dinge, Situationen, Weltanschauungen verwandeln sich und der zentrale Begriff erfährt seine umfassendste Ausdehnung, wenn „Hyperdesign“, diese Liaison zwischen Kunst und Leben, in eine neue Mythologie mündet.


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