6. Gwangju Biennale, Südkorea

Stadt im Fieber

Sabine B. Vogel
24. Oktober 2006
Gwangju Biennale, Gwangju City, Südkorea. Vom 8. September bis zum 11. November 2006

Obwohl Seoul mit seiner regen Galerien- und Museenszene das kulturelle Zentrum Südkoreas ist, gilt momentan die internationale Aufmerksamkeit der 330 km weiter südlich gelegenen Industriestadt Gwangju und der zum sechsten Mal stattfindenden Gwangju Biennale. 1995 gegründet, diente diese Ausstellung anfangs als politisches Werkzeug, um den Ruf der Stadt zu relativieren: 1980 wurden die Proteste der Studenten gegen das Militärregime für mehr bürgerliche Rechte brutal niedergeschlagen. Anschließend an das damalige Massaker entstand die künstlerische Protest-Bewegung „Minjoong“ (People's Art), der eine eigene Ausstellung auf der ersten Biennale eingerichtet wurde. Ein Teil der vierten Biennale 2000 unter Leitung von Hou Hanru und Charles Esche fand in einem ehemaligen Militärgefängnis statt, in dem verdächtige Bürger während der Militärdiktatur von 1962 bis 1987 eingesperrt worden waren. Heute ist es ein Ort der Erinnerung an das Massaker.

Jetzt, elf Jahre nach Gründung der Biennale, steht ihr eine permanente Halle zur Verfügung und der Blick ist unter der diesjährigen Leitung von Kim Hong-hee nicht mehr nach hinten, sondern auf die Zukunft gerichtet: „Fever Variations“ lautet der poetisch-bedrohliche Titel und meint eine sich ausbreitende Re-Interpretation der internationalen, zeitgenössischen Kunst aus asiatischer Sicht. Dazu passt übrigens auch die asiatisch-pazifische Biennalen-Flut in diesem Jahr: die 15. Sydney-Biennale im Sommer, Anfang September eröffneten im Abstand von wenigen Tagen die erste Singapur-Biennale, die sechste Shanghai-Biennale, dann Gwangju, eine Woche später die ebenfalls südkoreanische Busan-Biennale und die Medienbiennale in Seoul, Anfang November die sechste Taipei-Biennale in Taiwan sowie die fünfte Asia Pacific Triennale in Australien.

Was aber ist diese „asiatische Sicht“? Zur Beantwortung konzipiert Kim Hong-hee die Biennale wie ein Buch zwischen dem „First Chapter_Trace Root: Unfolding Asian Stories“ und dem „Last Chapter_Trace Route: Remapping Global Cities“. Im Bewusstsein des überaus komplexen Kontinents mit vielfältigsten Kulturen schlägt die Biennale also zwei Perspektiven vor – das traditionsbewusste und das kosmopolitische Asien.

Mit einer gelungenen Ausstellungsdramaturgie und thematisch und qualitativ höchst eindringlichen Werken empfängt das Kuratorenteam Wu Hung (Professor am Center for the Art of East Asia in Chicago), Binghui Huangfu aus Sydney und Shaheen Merali (Berliner Haus der Kulturen) das Publikum zunächst mit von Göttern, Mythen und Traditionen beeinflussten Beiträgen. So spannt David Hammons zwischen zwei Buddha-Figuren einen Faden, an dem eine Sicherheitsnadel baumelt: Praying to Safety (1997). Michael Joo, in New York lebender Koreaner, umrahmt in Bodhi Obfuscatus (Space Baby) (2005) einen Buddhakopf mit zahlreichen Kameras, die jeden Zentimeter abfilmen und auf die umstehenden Monitore senden. Die Bilder erinnern an die Erde, die Nähe von Mikro- und Makroansichten deutet auf die spirituelle Idee des universellen Einsseins hin, inklusive Technik und Religion.

Andere Künstler greifen auf historische Techniken zurück, darunter Lee Sookyung, der in Translated Vases zerbrochene, im Stil der Joseon-Dynastie gefertigte Keramikstücke zu merkwürdig amorphen Formen zusammensetzt. Oder Xu Bing, der sein als „typisch“ geltendes Landschaftsbild nicht mit Tusche malt, sondern aus Gräsern und Blättern baut. Nur mit Hintergrundwissen lassen sich Dinh Q. Les Weiß-auf-Weiß-Bilder verstehen, die von der „hysterischen Blindheit“ von Frauen inspiriert sind, die die Roten Khmer in den 1970er Jahren in Kambodscha überlebt haben und jetzt im Exil leben. Zu den eindringlichsten Beiträgen dieses Kapitels gehört Chen Chieh-jens dramatisches Video einer Hinrichtung in Taiwan. Angelehnt an eine historische Fotografie, auf der eine in Taiwan um die Jahrhundertwende übliche, brutale Hinrichtungsmethode zu sehen ist, will Chen an eine vergessene Wirklichkeit erinnern. Zur diesjährigen Liverpool Biennale wählte Chen übrigens den umgekehrten Weg: Dort sehen wir seine Dokumentation über weltweite Hafenarbeiter-Proteste, die niemals stattgefunden haben. Chen wollte eben diese Bewegung auslösen.

So poetisch-metaphernreich der erste Teil der Biennale konzipiert ist, so dokumentarisch-politisch gibt sich der zweite Teil mit Akram Zaataris Fotografien aus dem täglichen Kriegswahnsinn im Libanon, mit Beiträgen zu Migration von Bruno Serralongue oder vom Künstlerduo mixrice und in Michel Elmgreen & Ingar Dragsets Fotoserie „The Incidental Self II“, die homosexuelle Subkulturen in verschiedenen Großstädten aufgreift – was den Biennale-Verantwortlichen offenbar zu heikel war, denn der Bereich ist wenige Tage nach der Eröffnung abgesperrt worden. Im allerletzten Raum, kuratiert von Chris Gilbert und Cira Pascual Marquina, kommt konsequenterweise das Thema „US-Imperialismus und Krieg“ in Beiträgen mehrerer Künstlergruppen zur Sprache, denn die Verschiebung des Blicks vom Westen zum Osten bedeutet eben auch Kritik am Hegemon USA. Im Cafe der Halle übrigens dienen in Gwangju gefundene Bomben als Tischkonstruktionen…

Das Asiatische im Asiatischen, so beschreibt es Hu Dung in einem Katalogtext, sei vor allem ein Dialog zwischen Tradition und Heute, ausgetragen in ästhetischen und visuellen Sprachen von Künstlerinnen und Künstlern, die sich nicht mehr über ethnische Herkunft definieren, sondern über ihre künstlerischen Methoden. Das ist so nahe liegend wie allgemein. Was die Biennale viel deutlicher formuliert, ist ein starkes asiatisches Selbstbewusstsein, das gleichermaßen von West-Ost- wie von Ost-West-Einflüssen spricht und seine eigene Sicht und Sichtbarkeit im internationalen Diskurs zeitgenössischer Kunst einfordert.


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