3. November 2011
„50 years from now“ mit Thomas Bayrle, Axel Dick, Rolf Glasmeier, Manfred Kuttner und Charlotte Posenenske – Galerie Johann König, Berlin. Vom 8. Oktober bis 12. November 2011
Eigentlich, denkt man, gehört so eine Ausstellung ins Museum. Doch weil öffentliche Institutionen immer öfter Seiltänze zwischen bürokratischer Gravitationskraft und Blockbuster-Höhenflügen hinlegen müssen, ergibt es durchaus Sinn, dass die Ausstellung „50 years from now“ in der Galerie Johann König zu sehen ist. Zumal sich viele feste Künstler des Galerieprogramms am Pop- und Op-Art-Credo dieser Ära entlang hangeln. Umso schöner, einmal vor den Originalen zu stehen – und zwar nicht den derzeit zuhauf zitierten Künstlern aus dem Zero-Umfeld, die am Markt Höchstpreise erzielen und gerne als einzig wahre deutsche Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg herhalten müssen. Die Schau kombiniert ganz im Gegenteil eine kleine Anzahl noch lange nicht überrepräsentierter Größen mit behutsamen Wiederentdeckungen.
Allen präsentierten Arbeiten wohnt ein bundesrepublikanischer Charme inne. Die Provinzialität kippt mal ins Lakonische, mal ins Spielerische – stets versehen mit einer Mischung aus Faszination und Angst angesichts der rasant aufstrebenden Nachkriegsmoderne. Mit dem Blick auf Technikgläubigkeit, Konsumkultur und Massenanfertigung holte man Amerika nach Frankfurt, Düsseldorf, Braunschweig – und Gelsenkirchen.
Tatsächlich kommt von dort die spannendste Position der Ausstellung: Rolf Glasmeiers (1945-2003) seriell strukturierte Wandobjekte aus den Siebziger- und Achtzigerjahren – „Kaufhaus-Objekte“ genannt – sehen aus wie verpackte Spiegelreliefs von Adolf Luther. Papiertüten mit rotem Bändel, Gardinenringe, metallene Lüftungsgitter und Briefkastenklappen laden den Besucher mit ihrer Aura artiger Funktionalität zum Anfassen ein oder wirken in Klebeband eingewickelt gleich wie eine Briefsendung. Nur um Haaresbreite ziehen sie am Arte-Povera-Look vorbei, schrammen deutlich die Konkrete Kunst – und enden in süffisanten Repliken auf die elegant schillernden Werke von Zero und Pop. Erstaunlich, dass Glasmeier, der 1970 den Villa-Massimo-Preis erhielt, bis heute nur Randfigur des Kunstgeschehen geblieben ist.
Noch weniger sorgte Axel Dick (1935-2006) schon zu seinen Lebzeiten für Aufregung, was daran liegen mag, dass seiner Laufbahn als Op-Art-Maler die Kunstlehrerkarriere an einem Braunschweiger Gymnasium in die Quere kam. Dabei haben seine „Lichtprogramme“, an denen er ab 1967 nach zwei USA-Reisen arbeitete – bevor er 1979 eine fast zwanzigjährige Pause einlegte – durchaus eine eigenständige Energie: Streifen, Säulen und Röhren leuchten wie Stroboskopblitze oder Nachtclub-Neonröhren von monochrom eingefärbten Leinwänden herab. Dick nimmt damit die psychedelischen Leuchtfeuer des Achtziger-Alltags aufs Beste vorweg.
Lange, bevor Neonfarben überhaupt en vogue waren, hatte Manfred Kuttner (1937-2007) sie in Form von optisch verzerrten Mustern auf Leinwänden, Vorhängen oder einer Klaviertastatur (1962) zum Kunstmittel deklariert – wofür er allerdings erst 2005 mit einer Einzelausstellung in der Galerie Johann König gewürdigt wurde. Eine überschaubare Soloshow: Kuttner, der sich im Umfeld von Gerhard Richter, Sigmar Polke und Konrad Lueg in der Düsseldorfer Szene bewegte, gab schon nach vier Jahren Tätigkeit die Kunst wieder auf.
Ein Jahr später, 1966, begann Charlotte Posenenske (1930-1985) mit der Arbeit. Seit der documenta 12 (2007) zählt sie zu den ganz großen Wiederentdeckungen, deren variable Industriemodule die politisch aufgeladene Minimal-Art jüngerer Generationen vorwegnehmen. Im Gegensatz zu den Serienbildern ihres Freundes Peter Roehr fehlt ihr elegantes Statement hier nicht, wobei die Ausstellung, das sollte dazu gesagt werden, keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt - ein weiterer Unterschied zum Museum. Und so schiebt sich das Vierkantrohr Serie D von 1967, zusammengefügt aus 15 alten und neuen Stahlblechteilen, als einzige dreidimensionale Arbeit wie eine deplatzierte Lüftungskonstruktion von der Wand in den Raum hinein. Posenenske war gerade einmal halb so lange wie Kuttner aktiv, von 1966 bis 1968, bis sie – in der Erkenntnis, „dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann“ – ein Studium der Soziologie aufnahm.
Ein guter Freund von Posenenske war einer, der heute als wichtigster Vertreter deutscher Pop-Art gilt – und als einzig lebender Künstler der Schau dem Label zahlreicher Galeriekünstler verschrieben ist: Thomas Bayrle (Jg. 1937), bis 2002 Mentor der Frankfurter Städelschule, tritt hier mit seinen Piktogrammen auf, in denen er Alltagsmotive wie Tassen oder Telefone zu Bildgefügen verschmilzt. Gerasterte Antlitze, Birnen oder Gänse im Kinderbuchstil: Bayrle kanalisiert den Produktionswahn der Überflussgesellschaft in Zellstrukturen aus Alltagsbanalitäten. Dass die Galerie einer Epoche Raum gibt, in der Kunst noch kein Teil davon war, ist ein gutes Zeichen.