4. Liverpool Biennale

Stadt im Käfig

Sabine B. Vogel
24. Oktober 2006
Liverpool Biennial 2006, vom 16. September bis 26. November 2006

Liverpool hat um die 440.000 Einwohner, in manchen Vierteln nahezu 40 Prozent Arbeitslosigkeit und das oft bereits in der dritten Generation. Häuser ohne Heizung sind keineswegs unüblich und massive Alkohol- und Drogenprobleme bestimmen den Alltag. Das Straßenbild ist geprägt von leer stehenden Gebäuden, deren Fenster und Türen mit gespenstischen Aluminiumplatten zugenagelt sind. Vor sieben Jahren wurde hier die Liverpool Biennale gegründet und in zwei Jahren wird Liverpool Kulturhauptstadt Europas sein. Welche Funktion kann in dieser schrumpfenden Stadt die Kunst übernehmen?

Über den Hafen von Liverpool wurden einst 40 Prozent des Welthandels abgewickelt, von Gebrauchsgegenständen bis hin zu Sklaven – woran Humberto Vélez' Performance The Welcoming erinnert. Aber anders als damals lässt der in Panama geborene, in Manchester lebende Künstler seine fröhliche, ethnisch bunte Menschengruppe unter anfeuerndem Trommelrhythmus und Lachen an Land gehen, um dort Diskussionen über heutige Migration anzuregen – ein Versuch, dem sich vor allem Biennalegäste anschließen. Seit 1989 ist der Hafen privatisiert und vor allem Touristenattraktion. Am Schalter der Fähre erhält man mit dem Ticket ein dickes Buch: Hans Schabus' Erinnerung an die zahllosen Steine, die von hier nach US-Amerika verschickt wurden als Ballast für zu wenig beladene Schiffe. Weitaus brisanter ist das Video von Chen Chien-jen, in dem der Künstler die miserablen Arbeitsbedingungen der wenigen Hafenarbeiter thematisiert. The Route erzählt von einem Hafenarbeiterstreik, der sich von Liverpool aus wie ein globales Fieber ausbreitete und nach zehn Jahren auch Taiwan erreichte. Allerdings ist der Film fiktiv. In den Gesprächen mit den taiwanesischen Arbeitern will Chen die Protesthaltung überhaupt erst auslösen.

In einem ehemaligen Lagerhaus des Hafens hat vor 18 Jahren die Tate Gallery London eine Dependance eröffnet, die jetzt zentraler Ausstellungsort der Liverpool Biennale ist. Auch hier gilt die strenge Vorgabe der zweijährlichen Ausstellung: Erstens müssen die Künstlerinnen und Künstler eine ortsspezifische Arbeit entwickeln und zweitens mit der Bevölkerung arbeiten, das heißt zu Vorträgen, Arbeitskreisen oder Dialogen in Schulen und Bildungsstätten anreisen. So ist auch die Zahl der Eingeladenen vergleichsweise gering, dieses Jahr zur 4. Edition nehmen 38 Künstlerinnen und Künstler teil. 18 Beiträge sind im öffentlichen Raum platziert, die übrigen neben der Tate Gallery in der „Foundation for Art and Creative Technology (FACT)“ und in der Open Eye Gallery. Parallel finden in der Stadt noch viele weitere Ausstellungen statt. Als „consultants“ sind in diesem Jahr Manray Hsu (Taiwan/Berlin) und Gerardo Mosquera (Kuba) eingeladen, die die Vorauswahl und die konzeptuelle Klammer vorgeben: „Archipuncture“ („Akupunktur für die Stadt, um die Energie wieder zirkulieren zu lassen“) und Postkolonialismus. Über die letztendliche Auswahl der Künstlerinnen und Künstler bestimmen die „consultans“, dazu Lewis Biggs als Biennale-Direktor sowie die Leiter der beteiligten Häuser.

Vor allem in den Beiträgen in der Tate Gallery kommt die Stadt ins Bild, wenn Tsui Kuang-yu in seinem Video urbane Absurditäten kommentiert oder Jun Yang Architektur und Migration vergleicht. Im Video sehen wir Häuser und Straßenzüge in Liverpool, die Stimme dagegen erzählt von den chinesischen Eltern, die jetzt wieder in China leben und ihren Traum vom Eigenheim verwirklichten. For a better tomorrow lautet der Titel und das Video endet mit der Frage, ob dieses Morgen bereits global vereinheitlicht ist: „Träumen wir alle denselben Traum?“

Yang zeigt vor allem die klassischen zweistöckigen Arbeiterhäuser. Was hier ausgespart bleibt, sind die insgesamt 2500 pompösen Prachtbauten, die über Liverpool verteilt an den einstigen Reichtum und Ruhm der Stadt erinnern. Direkt vor dem Hauptbahnhof stehen zwei gewaltige Steinlöwen vor der klassizistischen St. Georg’s Hall. Der in den USA lebende Portugiese Rigo 23 ließ einen Stahlkäfig um die beiden Wächter bauen und liefert auf diese Weise ein beeindruckendes Bild für die gegenwärtige Situation der Stadt. Aber nicht alle Beiträge sind direkt mit der Stadt verbunden. So vervollständigt der Kubaner Carlos Garaicoa Architekturfotografien mit Nägeln und Bindfäden und der in Berlin lebende Japaner Shimabuku nimmt Fish and Chips wörtlich, wenn er Kartoffeln vor den verdutzten Fischen ins Meer sinken lässt. Jeppe HeinsLoop Bench als Mittelding zwischen Parkbank und Mini-Rennstrecke steht zwar etwas verloren inmitten einer Grünfläche, dafür haben die Kinder den Parcours schon für Wettbewerbe entdeckt – während ihre Mütter über Geldverschwendung durch Kultur plaudern.

Was also können Künstlerinnen und Künstler für eine Stadt wie Liverpool tun? An Miseren ändern können sie sicherlich nichts, aber indem sie historische und aktuelle Momente aufgreifen, indem sie nicht-konforme Ideen ausstreuen, fügen sie dem Traum vom besseren Morgen jene Variante hinzu, die in den Naturwissenschaften gerade so vehement gesucht wird: das kreative Querdenken. So schlägt Sissel Tolaas ein neues Vokabular für typische Gerüche der Stadt vor und Teresa Margolles pflastert eine Tordurchfahrt mit zerbrochenem Verbundglas, das zugleich wunderschön-wertvoll wie Diamanten aussieht und dabei an die kriminellen Energien der Nacht erinnert. Mitten im Nachtclub-Viertel Liverpools liegen diese Glassplitter überall auf den Straßen als Reste von Autodiebstählen und -unfällen. Margolles allerdings ließ ihre Glassplitter aus Mexiko importieren, Originalmaterial des „violent drug-related crime“ – globalisierte Gewalt.

Unten am Hafen nahe des Pier ist ein merkwürdiges Rasenstück installiert, hügelig wie ein geschrumpfter Golfplatz, mit aufgezeichneten Feldmarkierungen und Toren. Humorvoll greift hier Priscilla Monge aus Costa Rica ein Kernstück der Stadt auf: Fußball. Zwei berühmte Vereine gibt es in der Stadt, wobei der 1878 gegründete FC Everton den elften Platz, der FC Liverpool den dritten Platz in der Premier League 2005/06 belegt. Die Jugend nutzt Monges Fußballfeld zum Herumliegen und denkt vielleicht irgendwann darüber nach, was passiert, wenn die Regeln für soziales Verhalten, sportliches Spiel und urbanen Alltag so drastisch irritiert sind, dass nur noch freimütiges Umfunktionieren weiterführen kann. Das kann dann auch die Funktion von Kunst und Kultur sein: Energie zur Wirklichkeitsproduktion frei zu setzen, indem Tradiertes und Unerwartetes unterschieden oder kombiniert werden.


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