4. Beaufort Triennale für Gegenwartskunst, Belgien

Sonne, Sand und Skulpturen

Cornelia Ganitta
2. April 2012

Beaufort04 – Triennale für Gegenwartskunst an der Küste, Belgien. Vom 31. März bis 30. September 2012

Die Beaufort Triennale für Gegenwartskunst an der belgischen Küste geht in ihre vierte Runde. Die meisten der 30 teilnehmenden Künstler haben eigens für das nach Sir Francis Beaufort, dem Erfinder der Windstärkeskala, benannte Kunstereignis Installationen zum Thema Meer geschaffen. Sie sind in zehn Badeorten zwischen De Panne im Westen und Zeebrügge im Osten zu sehen und per Fahrrad oder Küstentram wunderbar abzufahren. Anders als bei den ersten drei Ausgaben nehmen in diesem Jahr ausschließlich Europäer teil. Laut offizieller Begründung wolle man angesichts des globalisierungsbedingten, weltweiten Blicks nach China und Brasilien zeigen, was die Staaten der EU, besonders deren Neuzugänge, zu bieten haben. Aber auch der finanzielle Rahmen dürfte hierbei eine Rolle gespielt haben: 2012 musste die Veranstaltung mit 3,5 statt der zuvor zur Verfügung stehenden fünf Millionen Euro auskommen.

Dafür dürfte sich in diesem Jahr der Sandwurm des finnischen Öko-Architekten Marco Casagrande zu einem Publikumsliebling entwickeln. Vier Wochen lang hat sein Team aus jungen Architekten und professionellen Weidenflechtern ein 45 Meter langes, acht Meter hohes organisches Gebilde geflochten, das sich durch den Sand bei Wenduine schlängelt. Wer es durchwandert, erlebt ein bizarres Zusammenspiel aus Licht und Schatten, das den Stars der letzten Jahre in Nichts nachstehen dürfte. Zur Erinnerung: 2003 war der kathedralenartige Kran von Wim Delvoye ein Hingucker, der an die Verbauung der Küste mahnte (heute am Boulevard von Middelkerke zu sehen), von 2006 kennt man noch die Elefanten des südafrikanischen Bildhauers Andries J. Botha, die in De Panne in See stachen. Auch Nedko Solakov, der schon auf der Biennale von Venedig ausstellte und in diesem Jahr bei der dOCUMENTA (13) vertreten ist, hat diesmal beste Chancen, beim Besucher Spuren zu hinterlassen – worauf diese Skulpturenschau ja auch angelegt ist. Mit humorigen Sprüchen kommentiert der Bulgare von Kopf bis Fuß eine prächtige, aber verfallene Jugendstilvilla in Nieuwpoort. Ein besonderes Vergnügen für den, der sich hier mit der Taschenlampe auf den Weg macht, die Geschichte des Hauses zu erkunden.

Perfekt in Szene setzt der litauische Künstler Žilvinas Kempinas 300 Aluminiumstäbe, die sich in Koksijde im Wind wiegen. Aufgestellt vor natürlich gewachsenen Sträuchern auf der höchsten Düne Belgiens, gehen sie eine perfekte Symbiose aus Luft, Licht und Landschaft ein und zeigen einmal mehr die kontextuelle Bedeutung von Beaufort.

Eine echte Neuentdeckung ist das Werk des schwedischen Künstlers Michael Johansson, der in Zeebrügge, dem zweitgrößten Containerhafen Europas, das – mögliche – Innenleben eines Containers präsentiert. In bester Objet-trouvé-Manier hat er in zwei Wochen alte Flohmarktmöbel wie ein Puzzle millimetergenau zusammengesetzt. Mit Stefan Sous, Jaume Plensa, Ivars Drulle und Jannis Kounellis sind noch weitere Künstler am Platze, die sich hervorragend in die lokale Kultur und Umgebung eingliedern. Ein Grundsatz, der mit rund einer halben Million Besucher pro Triennale belohnt wurde.

Doch gerade dies scheint zu einer Angriffsfläche für das Kunstereignis zu werden. So mehren sich die Stimmen, die die Freilichtschau als zu touristisch empfinden. Dazu sagt Kurator Phillip Van den Bossche: „Selbstverständlich hat eine Ausstellung an der Küste Einfluss auf den Tourismus. Aber das ist doch nicht verkehrt! Schließlich wollen wir alle, dass so viele Menschen wie möglich zeitgenössische Kunst kennenlernen. Indem man Kunst im öffentlichen Raum platziert, erreicht man Menschen, die nie in ein Museum gehen würden.“ Angesichts der bisherigen Besucherzahlen klingt denn auch die Drohung des Kultusministeriums, der Schau aufgrund eben dieses touristischen Vorwurfs künftig den Gesamtetat um ganze 15 Prozent zu kürzen, geradezu lächerlich. Kunst zum Begehen, Anfassen, Interesse wecken, kurz: Kunst für das Publikum und nicht (nur) um ihrer selbst willen, das ist der Anspruch der Beaufort Triennale. Und der Küste, die ihrer Bettenhochburgen wegen vornehmlich von heimischen Touristen besucht wird, kann ein frischer, internationaler Wind auch ökonomisch nicht schaden.

Beaufort Triennale 2012


Wanderwege zum Ortsbezug von Sabine B. Vogel
In Belgien locken zwei Großevents aufs Land. Die Contour Biennale in Mechelen und die Beaufort Triennale am Meer. Zwei Projekte mit gelungenem Ortsbezug.


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