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29. ART BRUSSELS CONTEMPORARY ART FAIR

Zwischen den Stühlen

Alexandra Wach
28. April 2011

29. Art Brussels Contemporary Art Fair – Brussels Expo, Brüssel. Vom 28. April bis 1. Mai 2011

Viele neue Namen nennt die Liste der 29. Art Brussels, die programmatische Dauerverjüngung hält an. Abgänge an die ART COLOGNE, die zwei Wochen vorangegangen ist, blieben allerdings nicht aus. Sollte die erstmalige Entzerrung der Termine auch ihre Schattenseiten haben? Als neuer Teilnehmer unter den traditionell 170 zugelassenen Galerien ist vor allem die belgische Zeno X Gallery ein Gewinn. In ihrem Programm finden sich heimische Stars wie Luc Tuymans, der dieses Jahr den belgischen Pavillon in Venedig kuratiert und zur Vernissage durch die Messehallen schlenderte. Auch die Zahl internationaler Galerien verweist auf einen Höchststand. Aus Israel hat diesmal dank fehlender Aschewolke die Sommer Contemporary Art den Weg unter das Atomium gefunden, gefolgt im Schlüsselsegment der Etablierten von der mexianischen Galeria OMR, oder dem Moskauer Debütanten Aidan Gallery. Der Newcomer aus Osteuropa hat sich auf aufstrebende russische Gegenwartskünstler spezialisiert. Bei aller gewonnenen Vielfalt schmerzt die Abwesenheit der Schweizer Blue-Chip-Galerie Hauser & Wirth, die neben Sprüth Magers oder Johann König dem wiedererweckten Kölner Kunstmarkt den Vorzug gegeben haben. Berliner Galerien dominieren – trotz parallel laufendem Gallery Weekend – weiterhin die deutsche Quote, ein Zeichen dafür, dass ihnen das innovativ zeitgenössische Profil und das kosmopolitische Flair der Stadt liegen. In den Hallen 1 und 3 des Heysel-Parks herrscht die seit letztem Jahr eingeführte Trennung, wenn auch nicht gerade konsequent, zwischen Bewährtem und Zukunftsweisendem.

Die der Avantgarde zugeneigte Sammlerschicht, die das Publikum wie sonst nirgendwo dominiert, kommt gleich am Eingang bei den Sparten „Young Talents“ und „First Call“ auf ihre Kosten. Zu den letzteren fühlte sich Tulips & Roses berufen. Inzwischen von Vilnius in die Hauptstadt Europas umgezogen, beweisen sie eine deutliche Vorliebe für ironischen Konzeptualismus. Einer neuen Gemütlichkeit huldigten dagegen viele Kojen mit Wohnzimmertapeten und unkontrollierter Petersburger Hängung. Die Belgier Sorry, we´re closed, die eigentlich zu den Etablierten gehören, verfolgten ihren Themenschwerpunkt unter dem Titel „The Big Clown Show“ mit bemerkenswerter Leidenschaft. Dazu gehören nicht nur ein Stand im Zirkusstil, sondern auch ein veritabler Galopp durch die jüngste Kunstgeschichte. Unzählige clowneske Varianten, von Jeff Koons über Cindy Sherman bis zu Hans Peter Feldmann, sorgen hier für regen Verkehr, nicht zuletzt wegen der wohl ältesten Kunstwerke der Messe aus der Werkstatt von Pablo Picasso und James Ensor.

Wenige Schritte weiter trübt bei der Wiener Galerie Szeinek die deutsch-österreichische Geschichte den ausgelassenen Trubel. Ilse Harder erschafft in ihrer Installation Facebook NS (2010-2011) eine spannende Kombination aus Zeichnung, Video und Fotografie. Eine Sammlung alter Soldatennegative aus der NS-Zeit, die sie in dem Keller ihres Ateliers fand, konfrontiert die Salzburgerin mit Stars der damaligen Unterhaltungsindustrie. Dazu gehört die Emigrantin Marlene Dietrich ebenso wie eine Leni Riefenstahl. Ein glamouröses Porträt des drogensüchtigen Ufa-Stars Sybille Schmitz, an die Rainer Werner Fassbinder in Die Sehnsucht der Veronika Voss erinnerte, fand am Vernissageabend für 7.700 Euro einen belgischen Abnehmer.

Gute Verkaufsstimmung herrschte auch bei den etablierten Händlern. Höchstpreise sind aber selbst hier nicht anzutreffen, das Niveau pendelt verlässlich im sechsstelligen Bereich. Für ihren Einstand hat die Galerie Toni Tàpies aus Barcelona Intimes von Alex Katz ausgepackt. Ein kleinformatiges Porträt seiner Frau Ada ist für 36.000 Euro zu haben, eine wandgroße Zeichnung des Models Christy Turlington bereits für 33.000 Euro. Lässt man den obligatorischen Besuch bei der DEWEER Gallery hinter sich - wie schon bei der ART COLOGNE bekommt Enrique Marty hier mit einer Szenerie aus der Serie „Art is Dangerous“ seinen 45.500 Euro teuren, schaurig theatralischen Auftritt - meint man, bei Nathalie Obadia, ansässig in Paris und Brüssel, einer veritablen Kopfgeburt beizuwohnen. Die Proportionen des riesigen Cäsarschädels sind aufs Schönste misslungen, die Reminiszenz an die Antike kommt nicht ohne augenzwinkerndes Schmunzeln aus. Der 1981 geborene Belgier Thomas Lerooy verpasst seiner Bronzeskulptur Need in me (35.000 Euro) zwei Beine im Schrumpfmodus. Als wäre der wacklige Balanceakt dieser kreatürlichen Erscheinung nicht grotesk genug, ragt aus dem Torso ein winziger Zwillingskopf heraus. Die portugiesische Konzeptkünstlerin Joana Vasconcelos setzt humoristisch noch einen drauf. Sie verbindet alte Handarbeitstechniken mit skulpturalen Elementen und befindet sich gerade auf dem Weg nach ganz oben. Während der diesjährigen Venedig Biennale wird sie im Palazzo Grassi zu sehen sein, 2012 folgt dann eine große Einzelschau in Versailles. Bei Obadia zeigt ihre einjährige Vedette (50.000 Euro) Mut zu unkonventionellen Küchenlösungen: Ein silbernes Abwaschbecken mutiert unverhofft zum Flugobjekt dank unzähliger bunter Häkeltentakel.

Gegenüber bei der Antwerpener Zeno X Gallery, die sich dieses Jahr zum ersten Mal den Schwergewichten in der Halle 1 angeschlossen hat, bekommt der belgische Malermystiker Michael Borremans mit einer Arbeit von 2010 seinen großen Auftritt. Das Porträt Girl with Duck (140.000 Euro) gesellt sich im verlässlichen Patina-Ton zu der langen Galerie seiner somnambulen Geisterwesen, die den Betrachter auf ihrem Weg ins Jenseits keines Blickes würdigen - kein Wunder, in Anbetracht des fantastischen Vehikels nebenan, Le Berceau 2 (1999-2009) von Patrick Van Caeckenbergh. Das lädt mit seiner manuell in Gang gesetzten Kapsel aus Porzellantassen und Giftampullen zu einer freudianischen Zeitreise. Für die offensive Diesseitigkeit von Marlene Dumas ist man dann fast schon dankbar, auch wenn ihr wild wucherndes Tyrannenporträt Like Sadam (200.000 Euro), das einem Nachrichtenbild nachempfunden scheint, mitten in die mediale Historiendiskussion führt.

Bei Daniel Templon zieht die in Berlin lebende Japanerin Chiharu Shiota mit ihren prothetisch apokalyptischen Installationen neugierige Blicke in Scharen an. Sie hat schwarze Netze aus Wollfäden entlang der Raumecken gespannt und mitten drin zwei weiße Stühle gestellt. In State of Being von 2011 (28.000 Euro) ist es ein entrückt schwebendes weißes Brautkleid, das für Unbehagen sorgt, zumal es sich in direkter Nachbarschaft zu einer ebenso obsessiv eingewebten Gasmaske befindet. Der Pariser scheint eine Vorliebe für deutsche Jungstars zu pflegen. Neben Jonathan Meeses mit enthemmten Grimmassen um Aufmerksamkeit buhlender Skulptur TOTALST.BALLETTBABY (26.000 Euro) ist auch ein leinwandfrischer blonder Norbert Bisky-Jüngling zu haben: Ras Lanuf für 36.000 Euro. Auch Rudolphe Janssen konnte am Vernissageabend mit dem Kölner Zwillingspaar Gert und Uwe Tobias sogleich punkten: Nicht nur den großen titellosen Holzschnitt sicherte sich ein belgischer Sammler für 42.000 Euro, auch die neuesten Collagen, die eine sichtbare Weiterentwicklung im Motivspektrum verraten, waren für jeweils 3.200 Euro vergeben. Wim Delvoye dagegen, dem seine tätowierten Schweine offenbar ausgegangen sind, muss sich gedulden: Seine beiden im Kreis elendig verdrehten Metallskulpturen aus Christus-Kreuzen (für 160.000 Euro) suchen im Moment noch Abnehmer. Dass in diesen Stunden das Gallery Weekend Berlin startet, dürfte die Sache nicht unbedingt leichter machen.


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