14. Juli 2006
2006Beaufort, in den Städten entlang der belgischen Küste. Bis 1. Oktober 2006 Im Jahr 1806 entwickelte Sir Francis Beaufort eine später nach ihm benannte, zwölfteilige Skala, nach der Windstärken von der Windstille bis zum Orkan definiert werden können. Jetzt, 200 Jahre später, findet zum zweiten Mal eine Triennale statt, die diese Skala in ihrem Namen aufgreift und zeitgenössische Kunst dort präsentiert, wo man sie eigentlich nicht vermutet: am Strand entlang der gesamten belgischen Küste.
Mit „2003Beaufort“ fand vor drei Jahren die erste Ausgabe der „Triennale für zeitgenössische Kunst am Meer“, so der offizielle Titel, statt. Mit einem Budget von fünf Millionen Euro lockte man damals Künstler wie Daniel Spoerri, Anish Kapoor, Thomas Ruff, Wolfgang Winter, Berthold Hörbelt und Anthony Gormley nach Belgien. 600.000 Besucher fanden den Weg ans Meer, 450.000 davon aus dem Ausland. Insgesamt, so heißt es, seien dabei 25 Millionen Euro eingenommen worden.
Bei der nun stattfindenden, zweiten Auflage arbeitet Kurator Willy van den Bussche mit dem gleichen Etat, verzichtet aber weitgehend auf bekannte Namen – sieht man von Jan Fabre, Louise Bourgeois, dem Ehepaar Kabakov und Stephan Balkenhol einmal ab. Stattdessen will van den Bussche jüngere, weniger oder kaum bekannte Künstler fördern, gerne auch aus dem fernen Ausland wie China, Afrika oder Neuseeland. Diese etwas willkürliche Zusammenstellung wirkt mancherorts künstlich und ist ebenso fraglich wie die beabsichtigte Auseinandersetzung mit René Magritte. Von ihm werden zehn Bilder im Museum für moderne Kunst (PMMK) in Ostende gezeigt, die in einen Dialog mit den Arbeiten am Strand treten sollen. Einen Zusammenhang herzustellen fällt allerdings schwer, das Konzept wirkt aufgesetzt.
Das ändert aber nichts an der guten und spannenden Idee, Skulpturen und Installationen ans Meer zu holen und die Küstenlandschaft so in eine Kunstlandschaft zu verwandeln. Für die zehn teilnehmenden Gemeinden entlang der 67 Kilometer langen Küste – von Knokke-Heist im Norden bis De Panne im Süden – hat Kurator van den Bussche in diesem Jahr 30 Künstler ausgewählt. Einen Höhepunkt bildet dabei sicherlich die Maman der Surrealistin Louise Bourgeois am Rande von Ostende. Die neun Meter hohe, schwangere Spinne sei für sie „eine Ode an ihre Mutter“, sagt die Künstlerin. Das beängstigende Insekt befindet sich genau über dem Grab des belgischen Malers James Ensor.
Ebenfalls in Ostende, auf dem Dach des Casinos, steht der Beaufort-Beitrag von Jan Fabre. Der belgische Bildhauer hat dem ersten belgischen Raumfahrer Dirk Frimout ein Denkmal gesetzt. Dabei ist der Titel Der Astronaut, der das Meer dirigiert Programm: Im orangegrellen Overall, den Helm vor sich abgestellt wie zu einer kurzen Pause, blickt der Weltraumfahrer auf das Wasser hinab und schwingt dabei den Taktstock – auf dass die Naturgewalt ihn erhören möge. Leider ist die beeindruckende Arbeit auf dem Dach des Casinos kaum zu sehen und hätte vielleicht auf die Plattform vor dem Gebäude gehört.
Mit dem Thema Meer hat sich auch der deutsche Bildhauer Stephan Balkenhol in Blankenberge auseinander gesetzt und ein altes kleines Segelschiff auf den Pier gestellt. In die Schiffsflanken sind die Abbilder einer Frau und eines Mannes geritzt. Damit bleibt Balkenhol sich und seinen bisherigen Menschen-Skulpturen zwar treu, andererseits geht er mit deren Transformation zum Schiff auch neue Wege. Ganz ähnlich kombinierte Jane Alexander aus Südafrika ihre Mensch-Tier-Skulpturen mit einer neuen Umgebung. Dazu ließ sie ein 38 Meter langes Binnenschiff an den Strand transportieren, in dessen Innenraum sie 500 Paar rote Handschuhe, Sicheln und Macheten verteilte und ihre bizarren Fabelwesen aufstellte.
Die größte Anziehungskraft von allen Arbeiten dürfte allerdings die in Richtung Wasser laufende Elefantenhorde des Südafrikaners Andries Botha haben. Die lebensgroßen Skulpturen aus winzigen Holzteilen sind so drollig, dass sich Schulklassen und Rentnergruppen beim Angucken, Streicheln und Bestaunen der Dickhäuter auf ihrem Marsch in die Brandung vor Entzücken kaum einkriegen. Dabei sollten die Rüsseltiere eigentlich vom Meer ans Land marschieren. Beim Anblick der zugebauten Küste hatte Botha sich bei der Aufstellung aber schnell noch anders entschieden: „Wer das sieht, geht lieber wieder fort“, soll er gesagt haben.
Zehn der diesjährigen 30 Künstler stellen allerdings gar nicht am Strand, sondern in Kirchen innerhalb der jeweiligen Gemeinden aus. Dadurch entsteht eine in diesem Jahr neue, zusätzliche Malereiroute mit teilweise sehr beeindruckenden Arbeiten – so beispielsweise Brun, Babybrun von Daniel Richter in der Onze-Lieve-Vrouwekerk in Nieuwpoort oder das ungleich ruhigere Werk von Ling Jian in der Sint-Rochuskerk in Blankenberge, das verschiedene Buddha-Darstellungen zeigt.
Doch so spannend Beaufort auch in seiner zweiten Auflage wieder ist, so anstrengend kann es sein, die Entfernungen zwischen den Kunstorten zurückzulegen. Wer nur der Kunst wegen nach Belgien fährt, wird zum regelrechten Kilometerfresser. Wer noch ein wenig Zeit mit Sonnenbaden und Waffelessen verbringen möchte, sollte seinen Aufenthalt großzügig planen – drei volle Tage sind ein Muss. Außerdem seien jene gewarnt, die ohne Vorbereitung durch die Orte ziehen möchten – leider gibt es so gut wie keine Hinweisschilder, die einem den Weg weisen könnten und lange nicht alle Einwohner wissen mit dem Begriff „Beaufort“ überhaupt etwas anzufangen. Lediglich in unmittelbarer Nähe der Kunstwerke befinden sich dreieckige Aufsteller mit Kurzinfos und einer Übersichtskarte, auf denen die anderen Arbeiten abgebildet sind – allerdings nur die des Ortes, in dem man sich gerade befindet.
Damit der Kunstparcours, den van den Bussche als „größte Freiluftausstellung der Welt“ bezeichnet, nicht in eine nervige Schnitzeljagd ausartet, sollte man sich zuvor mit Infomaterial eindecken. In den Touristeninformationszentren liegen kostenlose Broschüren bereit, die allerdings nicht den „Küsten- und Kunstführer 2006 Beaufort“ ersetzen können. Dieses kleine und praktische Büchlein kostet fünf Euro, ist beispielsweise im PMMK in Ostende zu haben und bietet neben Kunstwanderrouten und kurzen Erklärungen auch Übersichtskarten mit allen Triennale-Standorten. Es wird so zum unerlässlichen Muss für alle, die nicht orientierungslos über den heißen Sand von De Haan oder durch die kleinen Sträßchen von Blankenberge irren möchten. Daneben ist für 30,- Euro ein Katalog zur Triennale erhältlich, der zwar sehr schön gemacht ist, dem aber ebenfalls die Karten fehlen.
Die Reise in das PMMK lohnt sich zudem wegen der Ausstellung „Beaufort Inside“, der musealen Ergänzung zum eigentlichen „Beaufort Outside“. Neben einem kurzweiligen Film über die Entstehung und den Aufbau der Kunstwerke am Strand kann man sich dort einen Überblick über das sonstige Wirken der 30 Künstler verschaffen. Gleich im Foyer wird man dabei mit einer dreiteiligen, insgesamt sechs Meter breiten und sehr farbintensiven Leinwand von Ling Jian konfrontiert. Zahlreiche spannende Entdeckungen gibt es in dem recht verwinkelten Gebäude zu machen, darunter David Cernys Arbeit Shark, die Saddam Hussein mit auf dem Rücken gefesselten Händen in einem Bassin zeigt und sich an Damien Hirsts eingelegten Hai anlehnt. Eigentlich sollte sie am Middelkerker Strand gezeigt werden, doch dem Bürgermeister des Örtchens war dies – wohl auch im Hinblick auf den Karikaturenstreit – zu heikel, weshalb er die Ausstellung des Saddam-Hais kurzerhand verbot. Stattdessen krabbeln nun David Cernys Riesenbabys den Strand entlang. Das ist ärgerlich, denn die merkwürdigen schwarzen Wesen mit Ballonkopf passen dort einfach nicht so gut hin wie der Saddam-Hai, der offensichtlich ans nahe Wasser gehört. Vor allem aber ist es mehr als bedauerlich, dass ein Kunstwerk ausgetauscht wird, weil es als zu kontrovers eingestuft wird – Karikaturenstreit hin oder her. Insofern kann das Beispiel Cernys für die gesamte Triennale gelten: Es sind viele gute, sagen wir ruhig „schöne“ Arbeiten dabei. Doch den großen Clou, den schweren Sturm sucht man vergebens auf dem 67 Kilometer langen Kunstparcours, der sich Beaufort nennt, aber bestenfalls starke Brisen liefert.