200 Jahre Kunst in der Städtischen Galerie Dresden

Helden in zweiter Generation

Daniel Kletke
23. September 2005
Gerne wird im derzeit gängigen Nörgelton von den Millionen von verlorenen Kunstwerken gesprochen und davon, was alles nicht mehr geht, passiert, funktioniert oder sein soll und darf. Nun ist ausgerechnet aus dem umtriebigen Dresden Erfreuliches zu berichten: Hier hat vor einigen Wochen die Städtische Galerie ihre Tore geöffnet. Sie verwahrt einen stolzen Bestand von derzeit 1.700 Gemälden, 800 plastischen Arbeiten und mehr als 20.000 grafischen Blättern, wovon jetzt eine Auswahl von etwa 180 Werken in der Ausstellung Die Eröffnung. 200 Jahre Kunst in Dresden zu sehen ist. Zwar wurde die Städtische Galerie erst 2002 gegründet, aber sie geht auf wesentlich ältere Bestände und Institutionen zurück, mit denen sich populäre Künstlernamen ebenso verbinden wie namhafte Kunsthistoriker. Es ist erfrischend, wie dort ein engagiertes und begeisterungsfähiges Team mit begrenzten finanziellen Mitteln es versteht, die lokale Kunsttradition der letzten zweieinhalb Jahrhunderte auszubreiten und zu dokumentieren. Dank effizienter Öffentlichkeitsarbeit mit prägnanten Druckerzeugnissen und Internetauftritten wird klar: Es ist an der Zeit, mal wieder an Dresden als Stätte künstlerischer Produktion zu erinnern!

Eigentlich geht der Parcours erst so richtig mit dem 19. Jahrhundert los, aber dann auch gleich mit einer kleinen Zeichnung des Wahldresdners Caspar David Friedrich. Der Bereich der Dresdener Romantik ist freilich nebenan, in den Staatlichen Kunstsammlungen, beispielhaft dokumentiert. Aber wo die Galerie Neuer Meister den Anspruch hat, national bzw. international auszustellen, genügt es der Städtischen Galerie Dresden eben, den Lokalmatador zu geben. Gerade hierin liegt eine Stärke und ein Vergleichsmoment, denn die Helden der „Brücke“ kennt ja fast jeder. Nur: Wie war es mit der zweiten Generation eigentlich genau, und wie haben sich – ein Zeitsegment später – neben Otto Dix die diversen anderen Vertreter der Neuen Sachlichkeit in Dresden etabliert, von wem wurden sie beeinflusst, wie inspirierend war der Dix?

Arbeiten von Hanns Hanner, Willy Kriegel, Curt Querner oder Conrad Felixmüller laden zu Gegenüberstellungen ebenso ein, wie sie, meist dem realistischen Duktus verbunden, die konsequent sozialkritische Sicht auf eine junge Republik vorführen, welche , ab 1933 der Diktatur unterworfen, bald nach 1945 wieder aufersteht. Mit Paul Ferdinand Schmidt und Fritz Löffler (nach der NS-Zeit als graue Eminenz quasi omnipräsent) waren hier in den 1920er Jahren kuratorische Vordenker am Werk, auf die sich die vorwiegend der figurativen Kunst verbundenen Sachwalter der jungen DDR beriefen, wenn sie beispielsweise von Hermann Glöckner Figuratives sammelten wie seinen Arbeiter in Sgraffito-Technik. Seine gleichzeitige Abstraktion, in derselben Technik ausgeführt, kam erst 2002 durch ein Vermächtnis in die Sammlung… Oh Zufall der Geschichte!

Überhaupt zeigt die unmittelbare Nachkriegskunst viel desolates Grau. Trübe Ansichten einer weitgehend ausradierte Stadt mit Titeln wie Enttrümmerung, 1946 von Johannes Kühl gemalt. In die Zeit gleich nach 1945 und das Gefühl allgemeiner Bedrückung fügen sich auch die meist kleinformatigen Papierarbeiten von Wilhelm Rudolph, Horst Schlossar und Erich Gerlach. Im Westen gab es das zwar auch, aber neben den Werner-Held-Befindlichkeiten wurde ja paritätisch die Abstraktion gefördert. Nicht so in Dresden! Im Lichte diverser zeitlicher Distanzen ist es spannend, wie bis heute in der gesammelten und bewahrten Auswahl stets ein Stück Demagogie vorgestellt wird. Denkt man jedoch an einen der ganz großen Söhne Dresdens, Gerhard Richter, dann kann man die Abstraktionsdiskussion noch einmal ganz neu durchdeklinieren. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich auch ein Selbstbildnis des eben zwanzigjährigen Ralf Winkler alias A.R. Penck von 1960 im Bestand befindet, unter dessen verdunkelter Firnisschicht ein höchst figürlich-akademischer Kopf hervorlugt.

In einer Präsentationsform, die nicht selten Schüler-Lehrer-Konstellationen beleuchtet, ist es natürlich nicht zu übersehen, dass wir hier keinen Oskar Kokoschka bestaunen dürfen, obwohl dessen Einfluss auf das Dresden der Zwischenkriegszeit schon durch seine Lehrtätigkeit an der Akademie verbürgt ist. Ein Gerhard Richter wäre vermutlich ebenfalls ein Desiderat. Dresdens Städtische Sammlungen waren in der Weimarer Republik durch Connaisseure wie Schmidt und Löffler insbesondere im Modernesegment mit Expressionismus und Neuer Sachlichkeit extrem gesegnet. Das aber gereichte der Kommune unter den Nationalsozialisten zum Fluch, weil gleich nach 1933 hunderte hochkarätiger Arbeiten entfernt und als entartet verdammt wurden. Diese empfindlichen Lücken sind noch lange nicht geschlossen. Deswegen ist es umso erfreulicher, dass die Staatsgalerie Stuttgart ihr Schmidt-Porträt von Otto Dix aus dem Jahr 1921 ebenso ausleiht wie auch zahlreiche Privatpersonen das Unternehmen stützen.

In ihren gegenwärtigen Ankäufen hat sich die Städtische Galerie Dresden – auch darin konsequent – abermals auf figurative Traditionen besonnen. Unter den Zeitgenossen mit Wurzeln in den hier bevorzugten Malweisen realistischer Extraktion sind Namen wie Thomas Scheibitz, Eberhard Havekost sowie Sabine Hornig und Silke Wagner zu nennen, die auch an der ersten Mappenedition teilnahmen, mit deren Verkauf private Sponsoren an das Haus gebunden und weitere Gelder mobilisiert werden sollen in Zeiten, wo das zur Verfügung stehende Geld knapper zu werden beginnt.

Noch bis zum 8. Januar 2006 in der Städtischen Galerie Dresden, Wilsdruffer Str. 2, 01067 Dresden.


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