18. Ausgabe der Artissima in Turin eröffnet

Trüffelöl in die Sparflamme

Gesine Borcherdt
4. November 2011

ARTISSIMA18 – Turin. Vom 4. bis 6. November 2011


Dreihunderttausend. Fast möchte man fragen: Lire? Doch selbst, wenn sich Italien mit Börsenchaos und Bunga-Bunga an den Rand der Eurozone bugsiert hat, wäre das wohl zu wenig für einen Tony Cragg. Trotzdem wagt sich die Mailänder Dependance der britischen Blockbuster-Galerie Lisson im Preissegment der 18. Ausgabe der Artissima weit vor und bringt den Düsseldorfer Akademiedirektor mit einem gefühlten Dutzend Skulpturen in Dialog mit den monochromen Abstraktionen Jason Martins. Und die sind immerhin schon ab 30.000 Euro zu haben. Allerdings wirkt das XXL-Ensemble etwas zu sehr auf das klassische Schönheitsideal der Italiener abgestimmt, die ihre Arte-Povera-Brille auch vor junger Kunst gerne aufbehalten – wovon bei den 161 Galerien, von denen allein 59 aus Italien kommen und ganze 23 aus Berlin, erstaunlich wenig zu sehen ist. Stattdessen breitet sich in der angenehm luftigen Halle eine Mischung aller Größen und Gattungen aus – herangetragen von Blue-Chip-Vertretern, Mid-Career-Galerien und Neulingen. Damit hat Italiens wichtigste Kunstmesse einen regionalen und zugleich offenen Touch. Genau das macht die Artissima angenehm unprätentiös.

Traditionell lassen sich die Kunden mit Trüffelsuche und Auswahl gerne bis zum Wochenende Zeit – allerdings hängt diesmal das Damoklesschwert des Finanzdebakels tief über den Ständen. Umso überraschender, dass trotzdem verkauft wird; nicht viel, aber wenn, dann vor allem nach Italien. Ob es an der lockeren Stimmung liegt, der vielen Werke zu kleinen und mittleren Preisen oder daran, dass Italiener ohnehin nichts von Politikern halten: Turin zeigt, dass das Modell der Regionalmesse längst nicht ausgedient hat. Und so fanden in den ersten Stunden vereinzelt gute Verkäufe ins Umland statt: Alfonso Artiaco aus Neapel verkaufte eine Neon-Wandarbeit von Laurent Grasso für 20.000 an ein Museum, bei Massimo Minini aus Brescia platzierte einen gefüllten Korb von Ian Hamilton Finlay für 21.000 Euro und eine Fotoarbeit David Maljkovics für 17.000 Euro jeweils in einer Privatsammlung.

Dass man auf der Artissima gleich zu Beginn neue Kunden gewinnen kann, merkten Figge von Rosen, die eine gläserne Josef-Albers-Replik des Mexikaners José Dávila an einen Sammler aus Vicenza verkauften. Ähnlich ging es auch Martin van Zomeren: Für die farbumrandete Glasscheibe des Niederländers Navid Nuur (4.500 Euro) entschied sich ein ihm bis dahin unbekannter Privatsammler aus Norditalien, während Nuurs angenagter Neonhalbkreis die Messe für 13.000 Euro Richtung Belgien verlässt. „Die Glasscheibe hätte ich drei Mal verkaufen können!“ freut sich der Amsterdamer für seinen Künstler, der schon im Fridericianum und der Kunsthalle St. Gallen zu sehen war. Dort stellt demnächst auch die Argentinierin Amalia Pica aus, die bei Diana Stigter ihre selbstgebastelten Mikrofone und Radios zeigt. „Die Messe sieht sehr gut aus, und man lernt viele Sammler aus der Region kennen – genau das, was man will!“, so die Galeristin aus Amsterdam, die mit ihrem Kollegen den Stand gemeinsam bespielt.

Frühzeitig aktiv und international offen war auch das Turiner GAM. Das Museum für moderne und zeitgenössische Kunst schlug gleich bei mehreren Filmarbeiten zu: Bei Gregor Podnar – dem als gemischtes Doppel mit Konrad Fischer einer der schönsten Stände gelungen ist – machte der Vintage-Streifen des rumänischen Heroen Ion Grigorescu für 8.000 Euro das Rennen, dessen Straßenszenen aus Bukarest bereits im MoMA und dem Warschauer Museum für Moderne Kunst vertreten sind. Bei Francesca Minini aus Mailand erwarb das Haus eine Videoarbeit mit schnell stempelnden Händen von Ali Kazma für 18.000 Euro, die gerade auch auf der Istanbul Biennale zu sehen ist. Auch ein Fensterrelief von Riccardo Previdi für 4.400 Euro wurde im eigenen Land untergebracht, während Simon Dybbroe Møllers Man noch in der Warteschleife hing. Ausnahmefälle waren vorerst Verkäufe über die Alpen hinaus: So konnte Carlier | Gebauer ein weißes Watterelief von Michel François für 19.000 Euro an eine bekannte französische Privatsammlung veräußern.

Doch nicht jede Galerie verzeichnete am ersten Nachmittag solche Erfolgsmomente – wobei es bei Monica de Cardenas aus Mailand nur eine Frage der Zeit sein dürfte, bis Barnaby Funas‘ bizarre Malereien für je 25.000 Euro und der Zitronengeck von Lutz / Guggisberg für 11.000 Euro Abnehmer finden. Bei Raucci/Santamaria aus Neapel hielt sich das Interesse für Norbert Schwontkowskis Monotypien (5.000 Euro) und eine Fahnenmastskulptur mit eingeschlagenen Flaggen von Danilo Correale (13.000 Euro) dagegen noch in Grenzen. Auch Großgalerist Massimo di Carlo blieb vorerst auf seiner Sol LeWitt-Zeichnung für 40.000 US-Dollar und der schrillen Gelitin-Skulptur für 24.000 Euro sitzen, und selbst die farbbekleckste Plastiktischplatte des New Yorker It-Künstlers Nate Lowman für bescheidene 45.000 US-Dollar fand erst einmal keinen anderen Platz außerhalb des Messestands. Dagegen vermeldete Fonti aus Neapel immerhin Reservierungen – schließlich zeigt er gleich zwei Künstler, die noch bis zum 29. November im Arsenal der Biennale Venedig präsentiert sind: Fabian Marti mit einem Digitaldruck (Ed.: 5, 2.700 Schweizer Franken) und Giulia Piscitelli, die hier eine skelettierte Matratze auf den Boden gelegt hat (22.000 Euro). In Geduld übte sich auch Casey Kaplan mit seiner Solopräsenation von Diego Perrone, der den Stand in ein rötliches Malereiambiente taucht (4.500 bis 17.000 Euro). Und wenn die Züricher Galeristen Raeber von Stenglin die Fahrt mit angezogener Handbremse am Eröffnungstag durch die Freude über die Kuratorendichte aufzufangen wussten, so ist das vor allem dem Ausstellungskonzept der Artissima zu verdanken: Neben der Hauptsektion ist die Messe nämlich in „New Entries“, „Back to the Future“ und „Present Future“ unterteilt, wofür Museumspromis wie Beatrix Ruf (Kunsthalle Zürich), Christine Macel (Centre Pompidou, Paris), Stefan Kalmár (Artists Space, New York) und Anne Ellegood (Hammer Museum, L.A.) ihre Namen als Jurymitglieder hergeben.
Wer übrigens diesmal den illy Present Future Award gewinnt, der bereits in die 11. Runde geht, darf 10.000 Euro einstreichen und hat die großartige Aufgabe, Espressotassen zu gestalten – es sei denn, der Espressohersteller muss demnächst auch auf Sparflamme kochen.


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