12. ART FORUM BERLIN 2007

Hauptsache schön!

Stefan Kobel
28. September 2007
Das ART FORUM BERLIN scheint angekommen im Hier und Jetzt des Kunstmarktes. Konsequenterweise fallen im Titel die ersten beiden Teile der hehren Trias der Kultur weg – „About Beauty“ heißt es kurz und knapp. Das Wahre und das Gute sind wohl als Ausfluss bürgerlicher Sekundärtugenden obsolet geworden. „We are international now“, sagt Judy Lybke, um gleich danach wieder ins Deutsche Idiom zu verfallen. Was er damit meint, bleibt zunächst offen, wird jedoch beim Gang über das ART FORUM augenfällig. Das einstige Sorgenkind ist angekommen im internationalen Messezirkus und hat der Art Cologne wohl vorerst den Rang abgelaufen als führende Leistungsschau der zeitgenössischen Kunst in Deutschland – mit allen Dejà-vu-Erscheinungen und Auswüchsen, die das globalisierte Geschäft so mit sich bringt.

„Etabliert“ ist ein Wort, das man eigentlich nicht gerne hört. „Establishment“ klingt nach Gesetztheit und Mainstream, was sich nicht gut mit Cutting Edge verträgt. Andererseits verheißt das Angekommensein im Weltkunstszenemarkt Umsatz und Prosperität. Die Zeiten, in denen Sabrina van der Ley in einer Brandrede das Gespenst vom Tod der Messe an die Wand malen musste, falls sich kein potenter Sponsor fände, sind zwar erst vier Jahre her, doch längst vergessen. Das bestätigt Christian Nagel, Köln/Berlin, obwohl er sich nach 12 Jahren aus dem Beirat zurückzieht: „Man fühlt schon, dass sich ein bisschen mehr bewegt als vor drei Jahren.“ Schließlich sei inzwischen mehr Geld in der Stadt. Die Investitionen kommen nicht zuletzt von irischen und skandinavischen Immobilienfonds, die hier ein fruchtbares Terrain aufgetan haben. Kunst spielt dabei eine nicht unbedeutende Rolle. „Die Gentrifizierungsarie mit der Kunst funktioniert immer“, stellt Nagel fest und beschreibt einen Prozess, der weltweit nach dem gleichen Muster abläuft – sei es in New York, London oder Berlin.

Zum Erwachsenwerden gehört das Loslassenkönnen, das Nagel jetzt mit seinem Ausscheiden vollzieht. Damit ist er seinem Kollegen Judy Lybke zuvorgekommen, der seine Staffelübergabe bereits letztes Jahr verkündet hatte, jetzt aber doch noch geblieben ist; vielleicht, um nicht den Eindruck einer Massenflucht zu erwecken. Das würde unglückliche Parallelen zu Köln erkennen lassen, die sich allerdings an anderer Stelle aufdrängen. „Freestyle“ steht über dem Halleneingang, der das Publikum direkt in den Stand von Rudolf Kicken laufen lässt. Das ist ein bisschen wie früher bei der Art Cologne: rein in die Halle, Rolltreppe hoch, Karsten Greve. Und ein bisschen Mallorca-Feeling kommt bei Los Turistas von Martin & Sicilia auf, die das Publikum schon am Flughafen von Palma begrüßt haben. Eher zum Schmunzeln ist das Aufwärmen dreißig Jahre alter Ideen durch chinesische Künstler, die den Bonus der kulturellen Auferstehung nun wirklich nicht mehr für sich beanspruchen können.

Etwas unentschieden scheint die Messe zwischen stetigem sich neu Erfinden und institutionalisierter Revolution zu changieren. In den beiden großen Hallen mit dem regulären Angebot ist internationales Niveau zu sehen, im Guten wie im nicht ganz so Guten. Die Qualität ist gleichbleibend hoch, Experimente finden nicht statt. Thaddaeus Ropac aus Salzburg/Paris etwa schlägt dieses Jahr einen etwas kleineren Pflock ein. Letztes Jahr hatte er mit einer Installation von Gerwald Rockenschaub eindeutig den gewagtesten Stand der Messe, obgleich der den Preis für den schönsten nicht gewonnen hat. Jetzt leistet er sich ebenfalls eine One-Man-Show. Auf dem Stand ist eine modulare Installation von Lori Hersberger aufgebaut, die in Teilen zu erwerben ist – oder zusammen für 70.000,-  Euro. An den Außenwänden hängen hingegen kleinere und preiswertere Arbeiten.

Messe ist eben vor allem ein Geschäft. Zum Glück gibt es den Bereich der „Freestyle Galleries“. Dort setzen viele Galerien Zeichen. So Mirko Mayer aus Köln: „Man sieht ja nur noch bunte Bildchen, egal ob gut oder schlecht. Keiner traut sich mehr was.“ Les Schliessers Installation, mit der er seinen Stand bespielt, dreht sich um das Berliner Areal des Druckmaschinenherstellers Rotaprint, auf dem jetzt durch private Stiftungsinitiative eine kulturelle und urbanistisch sinnvolle Nutzung möglich ist. 90.000,- Euro soll das Werk kosten, von dem sich der rheinische Galerist wünscht, dass es in einem Berliner Museum landet. Besonders begeistert ist Mayer – und nicht nur er – von der Sonderschau „House Trip“, die sich räumlich an das Segment der jungen Galerien anschließt: „Das ist eine ordentliche Ausstellung. Das bringen andere Messen nicht so gut hin.“

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