1001 Chinesen in der Mitte Deutschlands

Kassel ein Sommermärchen

Thea Herold
20. Juli 2007
Schon einen Tag, nachdem die letzten Chinesen die Stadt verlassen hatten – „die da lag an einem Fluss, gerade wie in einer Schüssel“ (aus dem Märchenschatz der Han) – besuchte zufällig ein Bischof aus Berlin die Stadt an der Fulda. Herr Huber antwortete auf die Frage, welches Kunstwerk ihm auf der documenta 12 am besten gefiele: Die Chinesen von Ai Weiwei! Sogar er musste also von ihnen gehört haben.

Die großen Nachrichtenagenturen hatten es ja auch Mitte Juni weltweit vermeldet: „Erste Chinesen für documenta-Kunstwerk ,Fairytale’ eingetroffen“. Und fünf Wochen später ging mit der gleichen Sorgfalt die Nachricht um die Welt: „Letzte zweihundert Chinesen verlassen die Stadt.“ In der Zeitung stand: „Mit dem Enthusiasmus, der den Besucherinnen und Besuchern entgegengebracht wurde, war nicht zu rechnen gewesen. Ai Weiwei bedankt sich ausdrücklich bei den Bürgerinnen und Bürgern Kassels für die große Gastfreundschaft.“ Was war passiert?

1001 Chinesen waren nach Kassel gekommen. Sie besuchten die documenta 12 und durchstreiften die Stadt. Sie entdeckten die Parkauen, die Kirchen, die Gegend und die ganze City von „herculand“. Sie kochten selbst und wurden bekocht. Sie machten Fotos und wurden fotografiert. Sie kauften Ansichtskarten und schickten sie nach Hause zu den Verwandten. Sie gingen einkaufen. Sie waren da. Einfach so.

Ihr Gastgeber Ai Weiwei brachte genauso viele alte chinesische Stühle für die Ausstellung mit, die von Anfang an dabei waren und nun bis zum Ende der documenta 12 auch in Kassel sein werden – sichtbar und für jedermann zum Zeugnis. Doch nichts da mit Symbol. Der Künstlerpatron aus Peking meint Stühle zum Sitzen und organisierte chinesische Besucherinnen und Besucher auf Besuch. So praktisch wie ephemer. Schau mal an, so klar kann es ausgehen, wenn ein Kurator vom „unplanbaren Möglichkeitsfeld einer Ausstellung “ spricht und davon, dass „Kunst und Leben sich begegnen müssen“. Auch so, denn Fairytale war keine Fälschung. Die Visa wurden beantragt, die Flüge gebucht, die Tage in Kassel erlebt.

Mag schon sein, dass man sich, wenn man immer irgendeinen Beschiss an der Sache und in jeder gedruckten Zeile wittert, am Ende tatsächlich verkauft und verraten fühlt. „Im gleichen Moment waren doch niemals tausend Chinesen da“, heißt es nämlich auch schon. Und das stimmt. Ai Weiweis Chinesen kamen in Wochenschichten nach Kassel. Und bei den auch nicht wenigen „ganz normalen Chinesen“ schrieben sich zuweilen ungewohnt heftige Mimikfalten in die konfuzianisch gelassenen Gesichter, wenn sie alle Wege gefragt wurden, ob sie auch „dazu“ gehörten. Keiner der Fairytale-Chinesen trug irgendetwas plakativ „Kunstwerkisches“ spazieren. Sie gingen einfach umher, als Touristen und Gäste, wie zwitschernde Vogelschwärme, und verteilten sich fröhlich über die Kasseler Innerstadt.

„Meist kamen sie in kleinen Gruppen“, erinnert sich Frau Berger, die erfahrene Kauffrau im ersten Haus am Platz in der Oberen Königsstraße, als man sie fragt, ob und wie dieses chinesische Märchen zur Wahrheit wurde. „Es möchten schon im Laufe der Wochen wirklich tausend Chinesen gewesen sein, denn mindestens jeder zweite davon war hier.“ Und sie lacht. Ganz „fröhliche Energie“ hätten sie verbreitet. Es sei das pure Glück zu spüren gewesen. Und obwohl die meisten der Chinesen in dem Laden mit den teuren Labels nichts, wirklich nicht mal ein T-Shirt kauften, hatte Frau Berger sie doch gerne dort gesehen. „Es waren schöne Momente mit ihnen“. Und sie hätten viel geknipst.

Nur die Hotellerie von Kassel, sonst ganz zufrieden mit dem documenta-Zustrom, hatte nichts von den fünf Fairytale-Abordnungen. Die Chinesen waren auf dem Gelände der Gottschalkhallen in leer stehenden Fabrikbauten untergebracht. Jeweils in Gruppen von zweihundert Personen. Der betagte Klinkerbau, vor dem man das documenta-Signet platzierte, wurde zur temporären Chinatown. Nicht in irgendeinem anderen Hotel dieser Stadt wäre das Märchen von den 1001 Chinesen – die auszogen, die Welt zu entdecken – so gut ausgegangen wie dort. Nur dort waren sie „Bei Ali“. Der Kioskbesitzer Ali war in der Gottschalkstraße von Kassel-Nord auch vorher schon so etwas wie der heimliche Bürgermeister. Er kennt alle, weiß was läuft, hat seine großen, tiefbraunen Augen überall – und redet nicht ein Wort zu viel. Aber was er sagt, ist irgendwie richtig. Angemessen. Oder hilfreich, wenn nötig. Als die ersten chinesischen Gäste in die Fabrikhallen gegenüber einzogen, brauchte es nicht lange. Die Karte wurde in chinesischen Buchstaben geschrieben. Köfte, Börek, Dönerfleisch. Ali hat „ni hao“ und „zai jian“ gelernt. Damit konnte er seine Gäste begrüßen und verabschieden. Und alles andere verstand er mit den Augen.

In dieser Sprache haben ja auch die Chinesen, die Ai Weiwei nach Kassel holte, ihre „Recherchen“ gemacht, aus denen der Künstler Ai Weiwei aus Peking, Sohn eines Poeten, in seinem Projekt Fairytale ein neues chinesisches Märchen schreiben wird. Fairytale wird einmal eine Seite in der documenta-Geschichte sein. Wenn die Videos geschnitten, die Blogs übersetzt und die Fotodokumentationen zu Hochglanz-Katalogen verdichtet sein werden. Ein deutsch-chinesisches Märchen-Joint-Venture auf dem Feld der Konzeptkunst, von einem Schweizer Enthusiasten finanziert und von einer schlichten Frage ausgelöst: Was ist das bloße Leben? Der Kasseler Ali, der Mann vom Kiosk in der Gottschalkstraße, hat den Gästen aus dem Reich der Mitte in ihrer letzten Nacht mit glänzenden Augen seinen besten Lammbraten von Spieß spendiert. Selbst gegrillt. Und nicht ein Lamm, sondern vier. Er weiß, was Kunst ist: Leben erleben. Echt. Und das ist es.


Mehr im Dossier  Kunst in China
Mehr im Dossier  documenta 12

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