100 Notes – 100 Thoughts / 100 Notizen – 100 Gedanken. Die Notizbücher der dOCUMENTA (13), Hatje Cantz Verlag

Fetisch mit Fussnoten

Annika Karpowski
3. August 2011

Reisebegleiter, Gedankenstütze, Ordnung für Ideen und Konzepte. Das Notizbuch ist ein Erinnerungsbuch. Schlagwort, Pfeil, Skizze: Seine grammatikalische Unvollständigkeit lässt Platz für den Sinn, der dann im Kopf entsteht. In diesem besonderen Fall eine genüssliche, eine überraschende Kunstlektüre; und sie kommt rechtzeitig – so kann man schon in diesem Sommer den Texten frönen, die es nächstes Jahr zur dOCUMENTA (13) zu wissen gilt. Es handelt sich genau um die Schriftreihe „100 Notizen – 100 Gedanken“, erschienen im Hatje Cantz Verlag. Bunt und in drei verschiedenen, handlichen DIN-A- und DIN-B-Formaten liefert die dOCUMENTA (13) ein weiteres Präludium des nahenden Großereignisses im Juni 2012. Die ersten 17 Schriften sind bereits seit Frühjahr im Umlauf. Und da Notizbuch nicht gleich Notizbuch ist, handelt es sich hierbei um verschiedene Text- und Bildproduktionen, also Vorträge, Briefe, Reproduktionen von Notizbüchern – teils wissenschaftlich, teils anekdotisch-biografisch. Interdisziplinär und unspezifisch sind denn auch die Autoren: Künstler, Naturwissenschaftler, Politologen und Poeten wurden von Carolyn Christov-Bakargiev, künstlerische Leiterin, und Chus Martínez, Agentin der dOCUMENTA (13), beauftragt. Die kleinen, 16 bis 48 Seiten umfassenden Heftchen umkreisen die relevanten Namen, Gedanken und Orte der Ausstellung: zum Beispiel Emily Jacirs Fotografien vom ehemaligen Benediktinerkloster Breitenau, unweit von Kassel entfernt, eine Mitschrift György Lukács‘ einer von Georg Simmel gehalten Vorlesung aus dem Jahr 1906, ein Tagebuchausschnitt des finnischen Nuklearphysikers, Künstlers und Musikers Erkki Kurenniemi und ein Gespräch zwischen Ayreen Anastas & Rene Gabri und dem Videokünstler Paul Ryan. Vorab gibt es also jede Menge poetischen und assoziativen Lesestoff.

Jedes Buch funktioniert allein, und doch eröffnet sich ein gewaltiges Referenzsystem, in dem man die Notizen zusammendenken kann. So gesehen ist jedes Notizbuch auch ein Kapitel der überdimensionalen dOCUMENTA (13)-Enzyklopädie. Alles in allem gelingt der Lektüre damit der Brückenschlag zwischen anekdotischer Notiz und offenem Diskurs. Doch was ist denn nun eigentlich ein Notizbuch? Kryptisches Kürzel, eine zufällige Sammlung gefundener Wörter und Bilder? Eine lesenswerte Begriffserklärung liefert der Anthropologe Michael Taussig im ersten der 100 Bücher („Feldforschungsnotizbücher“, Nr. 001): „Es ist, als biete das Notizbuch die ‚Insider-Story‘, den ‚schnelleren Zugang‘ zur Seele einer Person, die das Notizbuch führt, und ebenso den schnelleren Zugang zur Entstehung ihrer Ideen und Errungenschaften. Es ist, als sei man in die Geheimnisse eines alchemistischen Labors eingeweiht, beseelt von ihren allzu menschlichen Marotten und Schwächen.“ Als Beispiele führt er jene Walter Benjamins, Roland Barthes‘ und Le Corbusiers – er besaß dreiundsiebzig Skizzenbücher – an. Man kann das Notizbuch als Erweiterung des Selbst betrachten, das, ähnlich wie heutzutage für manch einen das iPhone, zu „mehr selbst als man selbst“, zu einem neuen Körperteil mit Fetischcharakter wird. Die Besonderheit entwickelt sich gerade aus den Dingen, die zwischen den Zeilen stehen, die Gefühle, die man besonders durch die handschriftliche Notiz erinnert. Eine Notiz ist ein Symbol für einen Moment, der alle Bilder, Empfindungen und Farben in sich bewahrt und der durch das wiederholte Sehen und Lesen, die Empfindungen und das Ereignis wieder erfahrbar werden lässt. Der Film beginnt im Kopf.

Über die Stadt Kassel schreibt unter anderem der ungarische Kunsthistoriker Peter György (Nr. 016). In seiner Untersuchung „Die beiden Kassels: gleiche Zeit, anderer Ort“ analysiert er die lokale Geschichte der Nachkriegszeit und die Beziehung zu der alle fünf Jahre stattfindenden Ausstellung. Eine Annäherung der beiden unterschiedlich besetzten „Räume“ ist in der documenta-Geschichte immer wieder zu beobachten: zum Beispiel bei Joseph Beuys7000 Eichen-Stadtbepflanzung oder die 2012 angestrebte Fusion von regionaler Architekturgeschichte mit zeitgenössischer Kunstwelt.

Grundlagenforschung und Selbstbefragung findet im zweiten Notizbuch statt – ein Vortrag vom 26. September 1987, dem Monat und dem Jahr, als die achte documenta zu Ende ging. Der Referent, Ian Wallace, berichtet im Rahmen eines Symposiums zum Thema Nachkriegskunst an der University of British Columbia über die erste documenta im Jahr 1955. Es war die Zeit, so Wallace, „in der politische wie ästhetische Strömungen nach öffentlicher Präsenz und einem öffentlichen Forum verlangten.“ Ging es doch um eine Imagefrage und Anbindung, ja Stärkung der deutschen Moderne und der abstrakten europäischen Kunst nach dem Nationalsozialismus. Damals wussten Arnold Bode und Werner Haftmann noch nicht, dass die Ausstellung, die damals das Begleitprogramm der Bundesgartenschau darstellte, eine der international renommiertesten Veranstaltungen werden sollte. Eine tolles Zeitdokument und empfohlen für alle Rezeptionshistoriker. Auch Bakargiev selbst meldet sich mit einem „Brief an einen Freund“ zu Wort. Sie berichtet von Orten, an denen sie gewesen ist, Menschen, die sie dort getroffen hat und von Dingen, die sie interessieren: surrealistische Strategien zum Beispiel und den Zustand der Liebe, „da im digitalen Zeitalter nur noch wenige gewillt sind, den Preis dafür zu zahlen.“

Von welchem Zustand der Liebe hier die Rede ist, erklärt die Malerin und Dichterin Etel Adnan, geboren 1925 in Beirut, ausführlich in ihrem Essay mit wunderschönem blauem Einband (Nr. 006). Adnans Ich-Erzählung ist eine Ode auf die Liebe. Sie plädiert für mehr Solidarität, bringt alte Helden der Befreiungsbewegung aufs Tapet und fordert mehr Humanismus. Lieben heiße leben, aber auch Risiken eingehen. Tolstoi schrieb 1873 in sein Tagebuch „Liebe ist verstörend“. Irritation ist immer gut. Das wünschen wir uns für das nächste Jahr. „Stärker als alle anderen Ausdrucksformen zeugen mystische Texte von der Erfahrung einer fundamentalen Einheit der Liebe.“ Sie beschreibt die Liebe zu einem Freund, die Liebe zur Natur und zu Gott, und dass sich das Gefühl auch auf Objekte, Meer, Berge und Bäume beziehen kann. An einer Stelle bemüht sie einen amerikanischen Indianer, Häuptling Joseph, als Stereotypen einer Naturverehrung, wie sie heute nur selten zu finden sei: festzustellen am global betriebenen Raubbau. Auch wenn die Tatsache nicht zu leugnen ist, an der Stelle ist dann doch zu viel Verklärung und Karl May-Romantik im Spiel. Ihren Namen gilt es trotzdem zu merken.

Nummer acht trägt das kleine beigefarbene Künstlerbuch von Konzeptkunstkoryphäe Lawrence Weiner (Jg. 1942), der dreimal hintereinander – 1972, 1977 und 1982 – auf der documenta vertreten war. Es enthält handschriftliche Notizen, Piktogramme, Multiples und Gedichte in der für ihn typischen Typografie. Der Titel: „IF IN FACT THERE IS A CONTEXT“. Und wenn Weiner das verkündet, wird wohl was dran sein; und es ist das erste Kunstwerk der dOCUMENTA (13), was man in den Händen halten kann, für vier Euro.

Am Ende soll es 100 Notebooks geben: Für jeden Ausstellungstag ein Gedanke – wenn man so will. Gerade durch seine unkonventionelle, „unfertige“ Form zeigt sich im Prozess das Konzept, das als solches nicht formuliert werden wird. So wie die Notizbücher keiner übergeordneten Thematik gehorchen, soll auch die Ausstellung einem offenen Prinzip folgen. Das ist immerhin eine Haltung – wenn auch eine vage. Ob die Schau so improvisiert daher kommt wie das die Idee der hundert Notizbücher vermittelt, ist wohl eher auszuschließen. Bis dahin schmökern wir noch eine Runde. Und schaffen uns auch eines an.

„100 Notes – Thoughts / 100 Notizen - 100 Gedanken“, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011/2012, Deutsch/Englisch, Je 24 - 48 Seiten, drei verschiedene Formate und Preise: 10,5 x 14,8 cm, EUR 4,00; 14,8 x 21 cm, EUR 6,00; 17,6 x 25 cm, EUR 8,00, E-Book-Edition EUR 2,99 - 6,49

dOCUMENTA (13), Kassel. Vom 9. Juni bis 16. September 2012

Mehr im Dossier  dOCUMENTA (13)

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