1. dc duesseldorf contemporary

Mit Bedacht gemacht

Barbara Josepha Scheuermann
19. April 2007
dc duesseldorf contemporary, Halle 8, Messe Düsseldorf. Vom 19. bis 21. April 2007

Das ist mal eine Kunstmesse in praktischer Größe: In wenigen Stunden ist man die Halle 8 der Düsseldorfer Messe abgeschritten und hat alle Stände gesehen, ohne am Ende vollkommen wirr im Kopf zu sein. Während man auf anderen Messen wie beispielsweise dem artforum in Berlin oder der zurzeit im benachbarten Köln laufenden Art Cologne irgendwann die Kunst vor lauter Messe nicht mehr sehen kann, ist die zum ersten Mal stattfindende dc duesseldorf contemporary mit ihren 85 Ausstellern aus 14 Ländern eine angenehm überschaubare Angelegenheit. Die luftige Architektur aus schräg gestellten Kuben und das einfallende Tageslicht tragen dazu bei, dass der messeübliche Eindruck luftleerer Fülle nicht so leicht entstehen kann – was nicht zuletzt auch daran liegt, dass sich auf der frisch geborenen dc die Massen noch nicht so drängen wie auf den etablierten Messen. Die Eröffnung allerdings war gut besucht und bewies, dass die dc fraglos zum Pflichtprogramm in der aktuellen rheinischen Kunstwoche gehört.

Wieso eine eigene Messe für zeitgenössische Kunst in Düsseldorf? Und dann auch noch gleichzeitig mit der ins Frühjahr verlegten Art Cologne? „Die dc sieht sich als Marktplatz mit dem größten Wachstumspotenzial in Deutschland“, erklärt dc-Direktor Walter Gehlen gewohnt selbstbewusst. „Die Tatsache, dass zur gleichen Zeit die Art Cologne stattfindet, zeigt sich dabei als positiver Faktor für die Wahrnehmung des Rheinlands im Ausland.“ Damit haut Gehlen in die Kerbe, in die er und Kompagnon Andreas E. Lohaus auch schon in der Vergangenheit mit ihrer art.fair in Köln und den Veranstaltungen zum Thema „Stärkung des Kunststandortes Rheinland“ zielten.

So recht als solidarischer regionalpatriotischer Akt will einem die Neugründung dieser Messe für Kunst ab 1980 in Düsseldorf allerdings nicht unbedingt einleuchten. Klar ist jedoch, dass die Art Cologne trotz ihrer Bemühungen der letzten Jahre gerade in diesem jungen Sektor Schwächen hat – als alte Dame womöglich vor allem ein Imageproblem. Kam die art.fair, die bislang zeitgleich mit der Art Cologne im Herbst stattfand, sehr unprätentiös und mit dezidiertem Off-Charakter daher, erhebt die dc den Anspruch eine Kunstmesse für internationale Kunst der Gegenwart zu sein, die mit Galerieprogrammen – „von Kuratoren ausgesucht, von Sammlern als Geheimtipp geführt, von Museen mit Spannung erwartet“ (Gehlen) – aufwartet.

Die mit Ulrike Groos, Stephan Berg, Heike Munder und Jens Hoffmann prominent besetzte Jury soll die Qualität der dc gewährleisten. „Was uns an dieser neuen Messe gereizt hat, war die Möglichkeit, eine internationale Messe zu gestalten, die einer kuratorischen Auswahl unterliegt und dennoch als Markt funktioniert“, erläutert Stephan Berg, Direktor des Kunstvereins Hannover.  „Dabei ging es vor allem darum, programmatisch arbeitende und am Nachwuchs orientierte Galerien in möglichst internationaler Breite auszuwählen.“ Das Interesse habe nicht darin gelegen, schon etablierte gewichtige Kunsthändler einzuladen. Auf genaue Nachfrage hin geht Berg sogar so weit zu erklären, dass man Pace Wildenstein oder die Gagosian Gallery im Falle einer Bewerbung auch abgelehnt hätte – was man natürlich prima sagen kann, wenn es diese Situation ganz offensichtlich nicht gegeben hat.

Die Atmosphäre am Eröffnungstag ist entspannt, es herrscht heitere Aufbruchsstimmung und Sammler seien auch in nennenswerter Zahl gesichtet worden, bemerken die Galeristen zufrieden. Die meisten der Aussteller kommen aus Deutschland, darunter viele aus Düsseldorf wie zum Beispiel Thomas Flor, Konrad Fischer, Anna Klinkhammer, Sies + Höke, Van Horn oder die SITEgalerie von Petra Rinck und Ralf Brög. Letztere zeichnen auch verantwortlich für die Galerien-Schau „The Progressive Imperative“, die Teil der Messe ist. 11 internationale Aussteller – unter anderen Konsortium aus Düsseldorf, mothers tankstation aus Dublin, MOT aus London und artists anonymous aus Berlin/London – präsentieren ihre Programme. Wesentliches Merkmal ist die Doppelrolle ihrer Initiatoren als Künstler und Vermittler. Die Initiative SITE beobachtet schon seit geraumer Zeit eine Entwicklung, die immer mehr solcher von Künstlern geleiteter Ausstellungsräume hervorbringt. „Wir behaupten, dass die den Künstlern eigene, spezifische Perspektive sowohl bei der Einschätzung von Kunst als auch bei deren Präsentation heute mehr denn je ins Zentrum des Kunstmarktes gerückt werden sollte.“ Das ist eine löbliche Initiative seitens der dc und SITE, deren Entwicklung es im Auge zu behalten gilt.

Auf ihrem Stand präsentiert die SITEgalerie unter anderem Lothar Götz’ Bilder Häuser für Mario Botta (2007, je 1.500,- Euro) und eindrückliche Plastiken aus Kunstharz von Guy Bar-Amotz (z.B. Thelonius Monk, 2006, 8.000,- Euro). Gleich gegenüber überzeugt wie immer Van Horn, u.a. mit Werken von Georganne Deen (I bit the hand that fed me, 2006, Öl auf Leinwand, Preis auf Anfrage) und Jens Ullrich (Trophäen, 2007, Lambda-Print, Preis auf Anfrage).

Wenig Skulptur ist zu sehen, dafür Malerei und Fotografie. Unter den plastischen Arbeiten fallen etwa Olivier van den Bergs hölzerne Mikros bei Kuckei + Kuckei, Berlin, auf (46.000,- Euro) sowie Manfred Peckls monumentaler Hoher Watt (Papier, Holz, Fiberglas, 70.000,- Euro) bei voges + partner gallery, Frankfurt. Zudem gibt es bemerkenswert viele Arbeiten, die Slogans und Anweisungen verwenden, sei es als Detail in Bild oder Skulptur wie bei Mitsy GroendijksReflection/Vision (2006, Keramik, Gips, Textil, Acrylfarbe, je 1250,- Euro) bei Cookie Torch, Rotterdam, oder als eigenständige Textarbeit wie Thomas PoulsensTzaziki (2005, Neon, Holz, Farbe, 11.250,- Euro) bei Max Wigram Gallery, London. Die Max Wigram Gallery zeigt ebenfalls Barnaby Hoskings auf schwarzen Samt projiziertes Video Cave Painting (Swildon’s Hole) (2007, 9.750,- Euro), das die Reise in die Tiefe einer Höhle beschreibt und den Malprozess im Untergrund – eine formal wie inhaltlich reizvolle Arbeit.

Die ganz großen Namen fehlen also auf der dc, was innerhalb des Messekonzepts nicht nur naturgemäß, sondern intendiert ist. Bei Konrad Fischer, Düsseldorf, finden sich aber Arbeiten von Gregor Schneider, darunter Fotografien aus seinem legendären Haus u r in Rheydt. Cosmic, Paris, präsentiert wenig interessante Gemälde von Vanessa Beecroft. Sonia Rosso, Turin, hat die Serie Various Colours in Black and White von Pierre Bismuth dabei (2005, als Set 24.000,- Euro).

Einen der spannendsten Stände bietet Casey Kaplan. Die New Yorker Galerie hat vor allem diejenigen unter ihren Künstlern mitgebracht, die in Deutschland tätig sind, darunter Jonathan Monk, Julia Schmidt und Gabriel Vormstein – allesamt Künstler, die zur Zeit viel zu sehen sind, nicht zuletzt bald in Ausstellungen der Jurymitglieder Ulrike Groos (Julia Schmidt in „Compilation III“ in der Kunsthalle Düsseldorf) und Stephan Berg (Monk und Vormstein in „Made in Germany“ im Kunstverein Hannover).

So zeigt die dc einen guten Überblick über das, was gerade so passiert im Kunstbiz – und zwar nicht unbedingt dort, wo die ganz Großen und Teuren mitspielen, sondern vielmehr in dem Bereich, wo sich neue Tendenzen und Ideen entwickeln, an denen die Galeristen, die ja zum Teil selbst Künstler sind, sich mehr denn je inhaltlich beteiligt sehen möchten. Obwohl erwartungsgemäß niemand auf dieser Messe eine Einzelpräsentation zeigt, bleibt der sonst so häufig festzustellende Charakter des Gemischtwarenladens weitgehend aus, denn auch wenn sich wie immer über die Qualität vieler Werke streiten lässt, so wirken die Stände beinahe ohne Ausnahme mit Bedacht eingerichtet, die Arbeiten sorgfältig ausgewählt. Und das macht die ganze Angelegenheit bei allem marktschreierischen Einführungsbrimborium seitens der Veranstalter so beruhigend.

Für die beste Präsentation in dieser Galerien-Schau vergibt Audi den mit 5.000 Euro dotierten „Audi Art Award Düsseldorf“ an einen Künstler oder eine Künstlergruppe. In diesem Jahr geht der Award an ESL projects, Los Angeles.


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