Dreizehn Künstler sind es, die auf der diesjährigen Rohkunstbau-Ausstellung Kinderszenen – Child’s Play fernab der Stadt im südöstlichen Brandenburg ihre Arbeiten zeigen. Dreizehn kurze Klavierstücke aus dem Zyklus der Kinderszenen von Robert Schumann dienen ihnen hierbei als Inspirationsquelle und leihen der Ausstellung ihren Namen. Den Komponisten der Romantik hätte der Ort der Präsentation gewiss entzückt: Es sind die verwinkelten Räume des idyllisch gelegenen Wasserschlosses Groß Leuthen. Und auch der heutige Besucher kann sich dem verbauten Charme des historischen Gebäudes nur schwer entziehen.
Die enge Bezugnahme auf den Ort, die zum Konzept der Ausstellung gehört, spiegelt sich in deren thematischer Ausrichtung wider. Denn nicht nur auf Schumann beruft man sich, auch die langjährige Vergangenheit des Schlosses als Kinder- und Waisenheim wird aufgegriffen. Dass die Geschichte des Hauses nicht nur Bilder unbeschwerten Kinderlachens und heimeliger Kuscheligkeit hervorruft, wird bereits im ersten Ausstellungsraum nachhaltig belegt. In der abgedunkelten, von der Britin Laura Ford bespielten Eingangshalle empfangen den Besucher fünf kindergroße, scheinbar zu einer Polonaise aufgestellte Gestalten. Bald fällt auf, dass ihre mit Hasenohren versehenen Pyjamas die Gesichter verdecken und Kinderfüße durch Hasenpfoten aus Gips ersetzt wurden. Verstärkung findet die beklemmend-unheimliche Wirkung noch durch den Hinweis, die Künstlerin sei bei ihrer Sleepwalker (2005) betitelten Figurengruppe von einer Fotografie palästinensischer Flüchtlinge inspiriert worden.
Aber da zieht es uns auch schon weiter durch die Ausstellung – klingelt doch die ganze Zeit ein Telefon. Wenn wir dem Geräusch nachgehen, landen wir inmitten der Videoinstallation von Bjørn Melhus. In der Arbeit Behind the Moon Beyond the Rain (2005) übernimmt der Norweger – wie stets – selbst die Hauptrolle. Melhus’ Darstellung der kleinen Dorothy aus dem Musical Wizard of Oz , die sich eine Doppelgängerin schafft, ist eine weitere Station seiner Untersuchungen zur Möglichkeit von Identität im Zeitalter der Massenmedien. Dabei greift der Künstler immer wieder auf eigene Kindheitserinnerungen zurück; eine Vorgehensweise, die in der Ausstellung gleichermaßen bei den Playmobillandschaften des Franzosen Yann Delacour, am eindrucksvollsten aber sicherlich bei Louise Bourgeois Anwendung findet. In ihrer mehrteiligen, ausnehmend schön dargebotenen Arbeit The Trauma of Abandonment (2001) thematisiert die inzwischen 94jährige Künstlerin durch Verfremdung eigener Familienfotos die kindliche Angst vor dem Verlassenwerden.
Bourgeois gehört neben den Chapman-Brüdern aus Großbritannien – vertreten durch einen mehr als 80-teiligen Radierungszyklus, der Kinderzeichnungen genauso wie Comics und Goyazitate aufgreift – sicherlich zu den renommiertesten Künstlern des XII. Rohkunstbau. Die durch Arvid Boellert und Mark Gisbourne getroffene Künstlerauswahl setzt jedoch auch auf weniger etablierte Positionen. Ebenso ist die Durchmischung internationaler und einheimischer Künstler Programm. Aus Deutschland sind Cornelius Völker, Michael Sailstorfer, die Künstlergruppe ////////fur/// (Volker Morawe und Tilman Reiff) sowie Via Lewandowsky vertreten. Letzterer präsentiert die ineinander verschachtelte Möbelinstallation Schrankwand - Wandschrank (2005), die Erinnerungen an vorzugsweise verbotene Versteckspiele der Kinderzeit wachruft. Genau wie Schumanns Ziel bei der Komposition seiner Kinderszenen war, die Kindheit in all ihren Facetten ins Gedächtnis zu rufen, wendet sich beim Besuch von Kinderszenen – Child’s Play auch unser Blick auf die Vergangenheit und die Erfahrung, jung zu sein. Weitere Gelegenheit dazu bietet das umfangreiche Festivalprogramm, das mit Open-Air-Filmvorführungen, Lesungen auf der Schlossterrasse und anderen sommerlichen Highlights aufwartet.
Noch bis zum 28. August 2005 im Wasserschloss, 15913 Groß Leuthen, Spreewald.















