VICTOR BURGIN | Three decades
ALFREDO JAAR
28. April – 23. Juni 2012
Eröffnung: Freitag, 27. April, 11-21 Uhr, im Rahmen des Gallery Weekend Berlin werden die Künstler anwesend sein
VICTOR BURGIN | Three decades
Am Freitag, den 27. April eröffnet die Galerie Thomas
Schulte ihre erste Einzelausstellung mit dem britischen
Konzeptkünstler Victor Burgin im Rahmen des Gallery
Weekend Berlin (27. – 29. April 2012).
Victor Burgin machte erstmals Ende der 1960er Jahre als ein
Erfinder der Konzeptkunst auf sich aufmerksam, als Arbeiten
von ihm in so bedeutenden Ausstellungen wie „Live in Your
Head: When Attitudes Become Form“ (1969) und „Information“
(1970) gezeigt wurden. Ab den 1970er Jahren entstanden
überwiegend Serienwerke von Fotografien, in denen er
Bilder mit Texten kombinierte. In den frühen 1990er Jahren
wendete er sich dem digitalen Video zu, das er allerdings aus
einer fotografischen Perspektive heraus entwickelte wie sehr
offensichtlich an seinem Interesse an der Beziehung zwischen
Stillstand und Bewegung. Aktuell beschäftigt sich Burgin
mit dem 3D Computer Modelling. Hier beobachtet der
Kunsthistoriker Stephen Bann: „Diese fortschreitende Anwendung
der neuen Technologie ist an sich ziemlich uninteressant
verglichen mit der bemerkenswerten Kontinuität in
den behandelten Themen und Ideen der Arbeiten.“
Am Beginn der Ausstellung „Three decades“ steht die Arbeit
„Performative-Narrative“ von 1972, in der Burgin das Narrative
einführt, das seither seine Arbeit charakterisiert. Die
Hermetik der frühen Konzeptkunst ist jedoch in der rigoros
angewendeten formalen Struktur noch unübersehbar. Burgins
Interesse am Narrativen führte ihn bald zu politischen Themen.
In seinen post-konzeptuellen Arbeiten bis 1976 – wie
vielleicht am besten sichtbar in seinen Straßenpostern – definiert
Burgin Politik vor allem über Marxistische Begriffe der
ökonomischen Klasse. Der Einfluss der Frauenbewegung
führte Burgin nachfolgend dahin, sich mit Fragen der Gender-
Politics zu beschäftigen. Seit den späten 1970er Jahren bis
in die 90er hinein verlagerte sich sein Interesse von Gender-
Themen auf Fragen nach Sexualität, wobei er sozio-politische
Erkenntnisse mit denen aus der Psychoanalyse verband.
So verknüpft Burgin in der Arbeit „Zoo 78“ von 1978 – als
zentrales Werk der Ausstellung – Themen des Überwachungsstaats
(Michael Foucaults Disziplinargesellschaft) mit
Szenarien, die den sexuell motivierten Drang, durch Blicke
Macht und Dominanz auszuüben, beschreiben.
Burgins Arbeit „Gradiva“ von 1982 aus der Serie „Tales from
Freud“ bezieht sich auf die gleichnamige, 1903 erschienene
Novelle von Wilhelm Hensen bzw. ist eine lakonische Anspielung
auf Freuds Kommentar auf diese Erzählung. Als eine
Inszenierung sexuellen Verkennens stellt Burgins Arbeit auch
einen weiteren Schritt in seiner Ausgestaltung narrativer Formen
da, die er speziell für die Präsentation in Ausstellungen
und Museen entwickelte. Zum Beispiel können seine lapidaren
Absätze nicht nur von links nach rechts gelesen werden,
sondern auch von jedem äußersten Punkt zum Zentrum.
In der frühen Videoinstallation „Love Stories #2“ von 1996
greift Burgin auf das in „Gradiva“ zentrale Thema von Begehren
durch Substitute zurück, das jetzt aber in kleinen Szenarien
aus Hollywood Filmen umgesetzt wird: eine Frau fühlt
sich von einem Mann angezogen, weil er sie an ihren Vater
erinnert; ein Mann fühlt sich zu einer Frau angezogen, da sie
ihn an eine andere Frau erinnert; eine Frau verzweifelt an ihrer
Unfähigkeit, die Perfektion des Ideals ihres Selbst zu erreichen.
Der Philosoph Henri Bergson bemerkt: „Die Vorstellung
ist nie eine klare Übereinstimmung von Verstand und realem
Objekt; sie ist vollständig durchdrungen von Erinnerungsbildern,
welche sie komplettieren und interpretieren.“
Dieser Gedanke ist die möglicherweise konsequenteste Prämisse,
die sich durch Burgins Werk zieht und in dem immer
die Vorrangstellung des Raums zwischen dem Betrachter und
der Wahrnehmungswelt betont wird – ein Raum, in dem das
Bild eine virtuelle Einheit ist, die infolge von Brechung der
materiellen Wirklichkeit durch Prismen von Narration, Erinnerung
und Fantasie entsteht.
Victor Burgin (geb. 1941) studierte am Royal College of Art, London,
und an der Yale University. Zu seinen maßgeblichen theoretischen
Schriften gehören Parallel Texts: interviews and interventions
about art (2011), Situational Aesthetics (2009), The Remembered
Film (2004), In/Different Spaces: place and memory in
visual culture (1996), The End of Art Theory: criticism and
postmodernity (1986) wie Thinking Photography (1982). Zu
den wichtigsten Katalogen zählen Titel wie Components of a Practice
(Skira, 2008), Victor Burgin: Objets Temporels (Presses
Universitaires de Rennes, 2007) oder Victor Burgin (Fundació Antoni
Tàpies, 2001). Arbeiten von Burgin befinden sich in vielen öffentlichen
Sammlungen wie Metropolitan Museum of Art und Museum
of Modern Art in New York, Museum of Contemporary Art und Los
Angeles County Museum of Art in Los Angeles, Tate Modern, London,
Museum Ludwig, Köln, und Centre Georges Pompidou, Paris.
ALFREDO JAAR
Im Rahmen des diesjährigen Gallery Weekend Berlin
zeigt die Galerie Thomas Schulte parallel zur Ausstellung
des britischen Konzeptkünstlers Victor Burgin ab
Freitag, dem 27. April 2012 in ihrem Corner Space eine
neue Neonarbeit des chilenischen Künstlers Alfredo
Jaar. Zur Vernissage ist der Künstler anwesend.
Alfredo Jaar verknüpft in seinen Arbeiten weitreichend die
verschiedenen Ebenen von Ethik und Ästhetik. Vielfach arbeitet
er mit dokumentarisch anmutenden Bildern, die in
Leuchtkästen montiert präsentiert werden und sich mit der
Diskrepanz zwischen Erster und Dritter Welt und ihrer Darstellung
in den Medien auseinandersetzen. Darüber hinaus
spielen Architektur und räumliche Inszenierungen für den
Künstler eine bedeutende Rolle. In seinen Installationen erkundet
Jaar stets die verschiedenartigen Kombinationen von
Bild und Text und lotet so gesellschaftliche Phänomene aus.
Davon künden auch seine Neonschriftzüge. In ihrer Eindringlichkeit
ziehen die grell leuchtenden Schriftzeichen die
Aufmerksamkeit des Betrachters augenblicklich an sich und
laden ihn ein, über ihre vielschichtige Bedeutung zu reflektieren.
Der Schriftzug seiner neusten Arbeit Kultur = Kapital basiert
auf Joseph Beuys Ausspruch kunst = kapital. Beuys setzte sich
in seinem künstlerischen Schaffen stets mit der Frage auseinander,
wie Kunst Gesellschaft und Politik mitgestaltet und
vertrat die Meinung, dass die Kreativität eines jeden Menschen
das Kapital und damit auch das Potenzial einer Gesellschaft
darstellt. Seine komplexen Theorien reduzierte Beuys
schließlich auf eine formelhafte Gleichung, die er in Form
von Multiples zum Träger seiner Ideen machte.
Mit seiner Neonarbeit weitet Jaar das Beuyssche Zitat auf den
Kulturbegriff aus. Beide Begriffe sind durch das Gleichheitszeichen
untrennbar miteinander verbunden und bedingen
sich gegenseitig. Innerhalb eines Gesellschaftsmodells unterhält
das Kapital die Kultur, umgekehrt sollte die Kultur einen
untrennbaren Teil unseres gesellschaftlichen Kapitals bilden.
Besonders in Zeiten finanzieller Krisen, die immer größere
Einsparungen an den Kulturetats zur Folge haben, möchte
Jaar darauf hinweisen, dass die Kultur das wahre Kapital einer
Gesellschaft darstellt.
Neben der Anspielung auf Joseph Beuys bezieht sich Jaar
auch auf seine eigene Installation, „The Marx Lounge“, die er
erstmals 2010 im Rahmen der Liverpool Biennale realisierte
und anschließend 2011 im Stedelijk Museum Amsterdam und
im Centro Andaluz de Arte Contemporáneo in Sevilla zeigte.
In einem Leseraum versammelte Jaar ausschließlich Schriften
von Karl Marx und anderen Autoren, die das kapitalistische
System noch heute in Frage stellen.
Die Präsentation von Alfredo Jaars Installation Kultur = Kapital
an prominenter Stelle im hohen Eckraum der Galerie soll
als ein erster Hinweis auf die deutschlandweit erste Retrospektive
des Künstlers dienen, die ihm in Berlin vom 15. Juni
bis zum 17. September 2012 institutionsübergreifend von der
Alten Nationalgalerie, der Berlinischen Galerie und der Neuen
Gesellschaft für Bildende Kunst ausgerichtet wird.
Alfredo Jaar, Preisträger des bedeutenden MacArthur Fellowship und
vieler anderer Auszeichnungen, wurde 1956 in Santiago de Chile geboren
und studierte dort Architektur und Filmregie. Seit 1982 lebt und
arbeitet Jaar in New York. Seine Werke wurden in zahlreichen internationalen
Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, so unter anderem im
New Museum of Contemporary Art in New York, im Chicago Museum
of Contemporary Art und im Moderna Museet in Stockholm. Außerdem
war er Teilnehmer der Biennalen in Venedig, Sao Paolo, Johannesburg,
Sydney, Istanbul und Kwangju. 2002 war seine viel besprochene
Installation „Lament of the Images“ auf der documenta in Kassel zu
sehen.
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VICTOR BURGIN | Three decades
ALFREDO JAAR
April 28 to June 23, 2012
Opening: Friday, April 27, 11am-9pm, in the context of Gallery Weekend Berlin, the artists will be in attendance
For the 2012 edition of Gallery Weekend Berlin (April 27-29), Galerie Thomas Schulte will feature as its center piece "Zoo 78", a photo-text work by the British artist Victor Burgin. The work comprises eight diptyches and was made during Burgin's 1978 residency as a DAAD Fellow. With a careful selection of photography works as well as one video piece this first Burgin exhibition, titled "Three decades", at Galerie Thomas Schulte represents three key stages in this influential artist's long career.
Also on view will be a new neon work by the Chilean artist Alfredo Jaar, for whom Galerie Thomas Schulte has reserved its monumental Corner Space. This display serves as a symbolic curtain raiser for the artist's first major retrospective exhibition in Germany, which will take place in Berlin at Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlinische Galerie and Alte Nationalgalerie from June 15 through September 17, 2012.
VICTOR BURGIN | Three decades
On Friday 27 April 2012, Galerie Thomas Schulte will
open ‘Three decades’, its first exhibition of works by the
British artist Victor Burgin.
Victor Burgin first came to prominence in the late 1960s as an
originator of Conceptual Art, when his work appeared in such
key exhibitions as ‘Live in Your Head: When Attitudes Become
Form’ (1969) and ‘Information’ (1970). From the 1970s
his work consisted mainly of photographic sequences, with
printed texts juxtaposed with the image. At the beginning of
the 1990s he turned to digital video, but video from the
point-of-view of photography – seen, for example, in his concern
with the relation between stasis and movement – and
most recently he has worked with 3D computer modelling.
However, as the art historian Stephen Bann observes: ‘this
progressive exploitation of new technologies is itself fairly uninteresting
compared with the remarkable consistency of the
underlying themes and propositions of his work’. (Stephen
Bann, ‘Victor Burgin’s Critical Topography’, in Relocating,
Bristol, Arnolfini, 2002).
The exhibition opens with Burgin’s work of 1972 Performative-
Narrative, where he first introduces the element of narration
that has characterised his work ever since. The hermeticism
of early conceptualism is nevertheless evident in the rigorously
recursive formal structure of this piece. Burgin’s narrative
turn soon brought politics into his consideration. In his postconceptual
works up to 1976 – perhaps best exemplified in
his street posters from this period – politics is defined mainly
in Marxian terms of economic class. The influence of the
women’s movement subsequently led him to engage with the
politics of gender. From the late 1970s into the 1990s his attention
shifted from gender issues to questions of sexuality as
he combined socio-political insights with those offered by
psychoanalysis.
For example, his work of 1978 Zoo 78 (the centre-piece of this
exhibition) brings together themes of the society of surveillance
(Michel Foucault’s ‘panopticon society’) with scenarios
of the sexually-invested drive to master through looking.
Burgin’s 1982 work Gradiva, from his ‘Tales from Freud’ series,
is a laconic evocation of Freud’s 1907 commentary on
Wilhelm Jensen’s 1903 novella. A mise-en-scène of sexual
misrecognition, this work also represents a further stage in
Burgin’s elaboration of narrative forms specifically adapted to
the gallery wall (for example, his lapidary paragraphs may be
read not only from left-to-right, but from each extremity to
the centre).
Burgin’s early video piece Love Stories #2 (1996) returns to the
theme of ‘desiring through substitutes’ central to Gradiva, but
now played out in minimal scenarios from Hollywood cinema:
a woman is attracted to a man because he reminds her of
her father; a man is attracted to a woman because she reminds
him of another woman; a woman despairs at her inability to
match the perfection of her own ideal self. The philosopher
Henri Bergson notes: ‘Perception is never a simple contact of
the mind with the object present; it is completely impregnated
with memory-images which complete and interpret it.’ This is
perhaps the most consistent of the underlying propositions in
Burgin’s work, which constantly asserts the primacy of the
space between the viewer and the perceptual world – a space in
which the ‘image’ is a virtual entity produced by the refraction
of material reality through the prisms of narrative, memory
and fantasy.
Victor Burgin (b. 1941) studied at the Royal College of Art,
London, and Yale University. His influential theoretical writings
include Parallel Texts: interviews and interventions about art
(2011), Situational Aesthetics (2009), The Remembered Film (2004),
In/Different Spaces: place and memory in visual culture (1996), The
End of Art Theory: criticism and postmodernity (1986), and Thinking
Photography (1982). Books devoted to Burgin’s visual work include
Components of a Practice (Skira, 2008), Victor Burgin: Objets
Temporels (Presses Universitaires de Rennes, 2007), and Victor
Burgin (Fundació Antoni Tàpies, 2001). Burgin’s works are
represented in such public collections as: Metropolitan Museum
of Art, New York; Museum of Modern Art, New York;
Museum of Contemporary Art, Los Angeles; Los Angeles
County Museum of Art; Tate Modern, London; Museum
Ludwig, Cologne, and the Centre Georges Pompidou, Paris.
ALFREDO JAAR
In the context of this year’s Gallery Weekend Berlin, parallel
to its exhibition of works by British concept artist
Victor Burgin, Galerie Thomas Schulte will be showing a
new neon work by Chilean artist Alfredo Jaar in the gallery’s
Corner Space, from 27 April 2012. The artist will be
in attendance at the opening.
Alfredo Jaar makes far-reaching connections in his works between
the levels of ethics and aesthetics. Jaar frequently works
with quasi-documentary images, which he presents in light
boxes and which engage with the discrepancy between First
and Third World and its presentation in the media. The architecture
and spatial setting are also of great importance to the
artist. In his installations, Jaar constantly explores the most
varied image and text combinations, thereby sounding the
depths of social phenomena. His neon lettering works also
testify to this. The forceful, glaring lettering immediately draw
the viewer’s attention, inviting him to reflect on their complex
meaning.
The lettering in his latest work, Kultur = Kapital, makes reference
to Joseph Beuys’ claim “kunst = kapital”. Throughout
his oeuvre, Beuys repeatedly engaged with the issue of how
art co-shaped society and politics, and was of the opinion that
the creativity of each individual person represented the capital,
and with it also the potential, of a society. Ultimately,
Beuys condensed his complex theories in a formulaic equation
that, in the form of multiples, became the bearer of his
ideas.
Jaar’s neon work broadens the citation to include the concept
of culture. Both concepts are inseparably linked by the equal
sign and are mutually dependent. Within a social model, capital
supports culture, while, vice versa, culture should be an essential
part of our social capital. Particularly in times of financial
crisis, when ever larger savings are being made in the culture
budget, Jaar would like to point out that culture
represents a society’s true capital.
In addition to his allusion to Joseph Beuys, Jaar also references
his own installation The Marx Lounge, implemented for
the first time within the framework of the 2010 Liverpool Biennial
and subsequently exhibited in 2011 at the Stedelijk Museum
Amsterdam and the Centro Andaluz de Arte Contemporaneo
in Seville. For that work Jaar filled a reading room
exclusively with writings by Karl Marx and other authors
who, today, still question the capitalist system.
In presenting Alfredo Jaar’s installation Kultur = Kapital in
such a prominent place, namely, its high-ceilinged Corner
Space, Galerie Thomas Schulte is providing a first pointer to
the first Germany-wide retrospective show of this artist’s
works. Beginning in Berlin on 15 June, until 17 September
2012, works by Jaar will be exhibited at various institutions,
including the NGBK Neue Gesellschaft für Bildende Kunst,
the Alte Nationalgalerie and the Berlinische Galerie.
Alfredo Jaar, holder of the prestigious MacArthur Fellowship and many
other prizes, was born in Santiago de Chile in 1956 and studied architecture
and film directing there. He has been living and working in New
York since 1982. His artworks have been shown in numerous international
solo and group exhibitions, including at the New Museum of Contemporary
Art in New York, the Chicago Museum of Contemporary
Art and the Moderna Museet in Stockholm. Jaar has also participated
in the Biennials in Venice, Sao Paolo, Johannesburg, Sydney, Istanbul
and Kwangiu. In 2002 his much discussed installation “Lament of the
Images” was shown at the documenta in Kassel.
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