Frank Balve: 120
MAY 25 - JULY 14, 2012
OPENING NIGHT: FRIDAY, MAY 25, 2012, 7 PM
Der Künstler ist anwesend.
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Diese sich im Formalen äußernde Dekonstruktion bildet ein grundlegendes Prinzip der
Auseinandersetzung Frank Balves mit seinen Ausgangsbildern. So werden Klänge zunächst kreiert und
sodann bis hin zur Unkenntlichkeit wieder verzerrt oder in vielen Schichten zu abstrakten
Soundcollagen übereinander montiert. Videobilder, etwa von Pornos aus dem Internet, werden in so
großer Zahl übereinander geblendet, dass der erotische Inhalt nicht mehr erkennbar ist, sondern nur
noch der Eindruck von Fleischlichkeit und ineinander verschlungenen Leibern vorherrscht. In den
filmischen Arbeiten wird die das Medium eigentlich definierende Bewegung zudem durch extreme
Verlangsamung in der Zeitlupe zu nahezu unbeweglicher "Videomalerei" gefroren. Und in den
Papierplastiken werden Ursprungsformen und -materialien durch den deckenden Überzug mit Zellstoff
verunklart.
Thematisch sowie im formalen Aufbau nimmt Balve in seinem malerischen Werk oft Bezug auf
klassische Tafelmalerei. So ist die großformatige Arbeit "Hesperiden 3" (2011) etwa als fünfteiliges
Polyptychon angelegt. Durch ihr identisches hochrechteckiges Format und einen sich über mehrere
Tafeln ziehenden Balken, der an den Kurvenverlauf eines Börsencharts erinnert, wird eine lineare
Lesart von links nach rechts nahegelegt. Allerdings folgt die ungegenständliche Arbeit anders als das
gleichnamige Werk von Hans von Marées aus dem Jahr 1885-87 keiner konventionellen Ikonographie
oder ermöglicht gar eine narrative Interpretation. Balve nimmt das Thema vielmehr über eine
durchdachte Farbsymbolik auf, die der Betrachter nur intuitiv nachvollziehen kann.
In seinen aufwändigen Rauminstallationen vereint Frank Balve Malerei, Videoinstallationen,
Bildhauerei, Lyrik und Musik zu multimedialen Konzeptionen von musealem Ausmaß. Insbesondere die
Videoinstallationen sprengen in Gewicht und Größe den üblichen Rahmen. So schweben etwa im Fall
von "The Hide" (2011) dreißig Monitore in einer fast zweieinhalb Meter hohen, tonnenschweren
Holzkonstruktion im Raum. Die aufeinander abgestimmten Videobilder ahmen mit ihrem Ablauf das
Kreisen der Symbole eines einarmigen Banditen nach, wodurch das Konstrukt wie eine riesige
Spielautomaten-Walze wirkt, die den Betrachter zu erdrücken droht.
Nicht nur formal, auch thematisch geben sich die Rauminstallationen sperrig, sie reflektieren aktuelle
gesellschaftliche Themen wie den Überwachungsstaat ("Abteilung 1" und "Abteilung 2", 2011) oder die
Rolle der Medien in der Gesellschaft und die Abhängigkeit des Menschen von ihnen ("Drunk", 2010).
Ausgangspunkt sind häufig literarische Werke von Dante über Rimbaud bis zu de Sade, mythologische
oder biblische Stoffe, die gleichsam in eine zeitgenössische Bildsprache übersetzt und aktualisiert
werden. Ein wiederkehrendes Element sind Schaukastensituationen, wie sie in Dioramen, durch
Einblick verschaffende Gucklöcher oder Performances hinter Glasscheiben entstehen. Das Glas schafft
dabei eine Distanz zwischen Zuschauer und Akteur beziehungsweise Werk. Es entsteht eine
Beobachtungssituation, die den Betrachter in die Position eines Voyeurs zwingt und damit
Machtverhältnisse thematisiert.
Auch der aktuellen Ausstellung "120" liegt ein installatives Raumkonzept zugrunde: Der erste
Ausstellungsraum ist mit seiner Möblierung und Wandgestaltung einem barocken Interieur
nachempfunden. Ungegenständliche Malerei auf Papier in dunklen Holzrahmen hinter Glas schmücken die Wände, während Zellstoff-Plastiken ineinander verschlungener Hände auf Podesten im Raum
stehen. Der leere, abgedunkelte zweite Ausstellungsraum ist weiß verkachelt und lässt darin
Assoziationen an ein Schlachthaus oder Gefängnis zu. In den Ecken sind drei Videoprojektionen
nackter, kauernder, identisch wirkender Körper mit schwarzen Kapuzen zu sehen – eine prägnante
Pose, die im kollektiven Gedächtnis gespeicherte Bilder von Folteropfern aus Gefangenenlagern
wachruft.
Die Installation basiert auf dem Romanfragment "Die hundertzwanzig Tage von Sodom oder die Schule
der Ausschweifung", das der Marquis de Sade 1785 als Gefangener in der Pariser Bastille verfasste
und das zu den kontroversesten Werken der Weltliteratur gehört. 42 Frauen und Knaben werden von
vier Ehrenmännern – einem Herzog, einem Richter, einem Kirchenfürst und einem Financier – auf
einem Schloss gefangen gehalten wo sie deren Willkür wehrlos ausgeliefert sind und mit sadistischen
Sexualpraktiken gefoltert werden. Da diese sexuellen Perversionen mit kalter, rationaler Systematik
ausgelebt werden, versteht die Literaturkritik den Roman als modellhafte Formulierung einer totalitären
Gesellschaft, der das unterworfene Individuum wehrlos und unentrinnbar ausgeliefert ist.
Die in de Sades Werk diskutierte institutionalisierte Kontrolle und Disziplinierung der "Anderen" durch
die Machthaber, die gesellschaftlich sanktionierte Gewalt, waren bereits Thema einer Verfilmung Pier
Paolo Pasolinis aus dem Jahr 1975. Pasolini verlegte die Handlung in die faschistische Republik von
Salò, die das Mussolini-Régime in Norditalien gegen Ende des zweiten Weltkriegs errichtet hatte. Diese
skandalträchtige Bearbeitung des Stoffs löste eine rege intellektuelle Debatte aus, in der der
französische Philosoph Michel Foucault eine Schlüsselrolle übernahm. Die literarische Vorlage erfuhr
damit eine erste Aktualisierung, welche in der von Balve als "faschistisch" bezeichneten rigiden
Rahmung der Papierarbeiten einen Nachhall hat.
Die Theorie totalitärer Systeme, mit der sich der als pornografischer Literat verfemte de Sade in seinem
bis heute umstrittenen Werk auseinandersetzt, war in der Spätaufklärung ein zentraler
Diskussionsgegenstand. Dieses meist übersehene gesellschaftskritische Potenzial des Textes wird
auch in "120" aufgegriffen: Das repräsentative, kulturell verfeinerte Äußere des barocken Salons steht
in krassem Gegensatz zu der im Hinterzimmer versteckten Videoinstallation, die Abgründe von
Machtmissbrauch und sadistischer Unterwerfung erahnen lässt.
Während im vorderen "offiziellen" Raum die klassischen, statischen Bildkünste – Malerei und Plastik –
ihren Platz haben, zeugt die Videoinstallation vom Perfektionismus des als Medientechniker
ausgebildeten Künstlers. Die drei jeweils anderthalbstündigen, hochauflösenden Filme starten in
synkopischer Versetzung mit der korrespondierenden Soundinstallation, einem dekonstruierten Chopin-
Prélude, so dass gewissermaßen ein Endlos-Loop aus Bild und Ton entsteht. Zusammen mit der fast
bis zum Stillstand verlangsamten Zeitlupe der präzise auf die Raumecken austarierten, lebensgroßen
Körper-Projektionen fesselt die Arbeit den Betrachter mit ihrem unheimlichen Realismus, entreißt ihn
seinem reizüberfluteten Alltag und zwingt ihn, einem Gefangenen gleich, zu meditativer Ruhe.
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