Chuck Close
Actual and Invented Realities
Featured Prints
Ausstellungsdauer und Öffnungszeiten: 29. Juli - 30. September, täglich im Sommer 10 - 12 Uhr
Ausstellungsort: white8 SHOWROOMS, Widmanngasse 8, A- 9500 Villach
Es gibt Menschen, die sich fragen, ob das, was ich tue, von meinem Computer beeinflusst ist
und ob die Darstellungsweise dazu beiträgt, mein Werk als zeitgenössisch zu betrachten. Ich
hasse Technik definitiv und bin Computer-Analphabet …*
Chuck Close, einer der wichtigsten Vertreter des Fotorealismus – sein großformatiges
Schwarz-Weiß-Gemälde Big Nude von 1967 ist ein Gründungswerk dieser Bewegung,
die 1972 auf der dOCUMENTA 5 ihren internationalen Durchbruch feierte – lotet
zwar gerne die Grenzen nicht nur malerischer, sondern auch foto- und
reprografischer Techniken aus, doch produziert er keines seiner Bilder rein digital
oder fotomechanisch. Ausgehend von einer fotografischen Vorlage (Polaroid) gelang
Chuck Close zunächst mittels einer Rasterung die Übertragung dieses Bildes in die
Malerei. Sein präziser, bis ins kleinste Detail seiner Portraits vordringender Malstil
imitiert seither meisterhaft die Fotografie – womit Chuck Close zugleich
Unschärfeeffekte und andere Eigenheiten der Kamerakunst zu Stilmitteln der
Malerei erhob. Die Fotografie war damit ihrem Unterfangen, als Kunstgattung
anerkannt zu werden, einen Schritt näher gekommen, und zugleich behauptete sich
die traditionelle Malerei nach wie vor an der Spitze der Künste.
Das eigentliche Thema seiner Bilder (vorwiegend Portraits) ist weniger die Imitation
des Mediums Fotografie als die Nachvollziehbarkeit der Malerei durch die
Rastertechnik, viel mehr geht es Chuck Close um die Technik und den Prozess des
Sehens. Ausgehend von Druckrasterpunkten entwickelte er zusätzlich eine
Darstellungsform von Wirklichkeit, die das noch immer aus ausreichender
Entfernung fotorealistische Bildnis mosaikartig in farbige Ringe und konzentrische
Kreisformen auflöst (vgl. dazu in der Ausstellung der white8 SHOWROOMS
Holzschnitt: Self Portrait, 2004). Berühmt wurde auch seine „fingerprint“-Technik,
mittels der er aus einander überlagernden Fingerabdrücken Potraits fertigt, die aus
der Entfernung fotorealistisch wirken.
Neben der Malerei schuf Chuck Close auch wegweisende Druckgrafiken, in die er
unter anderem die „fingerprint“-Technik übertrug (vgl. dazu in der Ausstellung der
white8 SHOWROOMS: Phil/Fingerprint, 2009). Seine Drucke sind noch arbeits- und
zeitintensiver als seine großformatigen Malereien. Während Close für Letztere
mehrere Monate benötigt, dauert die Fertigstellung eines Drucks von der Konzeption
bis zur Edition (in Zusammenarbeit mit experimentierfreudigen Druckermeistern)
oft zwei Jahre und mehr.
Mittels der Druckgrafik erarbeitet Close als ein „Künstler, der Probleme sucht“,
Lösungen zu immer wieder neuen ästhetischen Fragestellungen. Jedes Mal, wenn er
eine Druckgrafik beginnt, ist nicht nur die Herstellungsweise eine andere, sondern
auch ihr visuelles Erlebnis. Die Interpretationen seiner eigenen Ikonografie führen nicht zu
Ähnlichkeiten zwischen den Arbeiten, sondern zu Unterschieden – als wäre jedes Bild ein
Neuanfang oder ein frischer künstlerischer Eindruck. Close recycelt Bilder. Wieder und
wieder nimmt er ein Sujet auf. Wir werden vertraut mit Phil (Glass), Keith (Hollingworth),
Leslie (Close), Alex (Katz) und natürlich dem Gesicht des Künstlers selbst. Doch spielt die
Vertrautheit mit den Porträtierten in vielerlei Hinsicht keine Rolle. Abgesehen von der
üblichen Ähnlichkeit des Porträts mit dem Porträtierten faszinieren seine Drucke durch die
Sichtbarmachung ihrer Machart. Die Lithografie Phil/Fingerprint, die Zellstoffpapierdrucke
Phil III und Phil Sitbite beruhen alle auf demselben Foto, doch mit jedem versuchten Bild
Phils zerstreut Close die Gewissheit, ein endgültiges Abbild erreichen zu können.**
Chuck Close wurde 1940 in Monroe/Washington geboren, studierte Malerei an der
University of Washington in Seattle, der Yale University School of Art and
Architecture in New Haven und 1967 als Stipendiat an der Akademie der bildenden
Künste Wien. Danach übersiedelte er nach New York. Seiner ersten
Einzelausstellung 1970 folgten über 200 internationale Werkschauen und 800
Ausstellungsbeteiligungen, darunter dOCUMENTA 5 (1972) und dOCUMENTA 7
(1977). 1990 wurde ihm der 6th Annual Infinity Award of Art des International Centre
of Photography verliehen, 1993 erhielt er die Ehrendoktorwürde.
2008 und 2010 zeigte Dagmar Aichholzer in Einzelpräsentationen Werke des
Künstlers in der white8 GALLERY in Wien.
Lucas Gehrmann
* Chuck Close, aus: Kerstin Stremmel, Realismus, Köln: Taschen Verlag 2005.
** Terrie Sultan, „Introduction. Chuck Close Prints“, in: Chuck Close Prints—Process
and Collaboration, Princeton University Press, Princeton, Blaffer Gallery, The Art
Museum of the University of Houston, Houston 2003, S. 15 (übers. von Lucas
Gehrmann).
|