RESONANZEN

RESONANZEN

quadrupel by mary bauermeister

Mary Bauermeister

Quadrupel, 1962 - 2003

prisma mit optischen linsen by mary bauermeister

Mary Bauermeister

Prisma mit optischen Linsen, um 1985

kontrapunkte 2 by mary bauermeister

Mary Bauermeister

Kontrapunkte 2, 1960 - 2012

kleines wabenbild by mary bauermeister

Mary Bauermeister

Kleines Wabenbild, 1958

kleine steinspirale by mary bauermeister

Mary Bauermeister

Kleine Steinspirale, 1962 - 2012

sweetwater by jakob mattner

Jakob Mattner

Sweetwater, 2008

Samstag, 14. September 2013Dienstag, 12. November 2013


Berlin, Germany

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RESONANZEN
MARY BAUERMEISTER - JAKOB MATTNER

14. September 2013 - 12. November 2013
Vernissage: 13. September 2013, 18 Uhr

Eine Ausstellung mit den Werken von Mary Bauermeister und Jakob Mattner mag Erstaunen hervorrufen und überzeugt doch als anregende Sicht auf zwei künstlerisch aktuelle Positionen, die mit Resonanzen in den Räumen von 401contemporary, Berlin neu gegeben werden soll.

Mary Bauermeister interessiert der Tag, das Materielle der Prismen-Lichtstrahlen, das Leuchten - Jakob Mattner ist fasziniert von der Nacht, dem Zwielicht, den Zwischentönen. Das Kosmische, der Makro- und der Mikrokosmos - hier lassen sich die Themenwelten beider so unterschiedlicher Künstler vergleichen. Beide interessiert die von der Natur geschaffenen Strukturen, und die Frage nach der Rolle, die der Zufall - als auch der Künstler selbst - bei der Bild- und Formfindung spielt.

Die Natur als Lehrmeister, als Erzieher und Schöpfer ist ein Ausgangspunkt beider Künstler; beide setzen sich mit dem Sehen und den Instrumenten und Materialien des Sehens auseinander: Mary Bauermeister sehr direkt und objektbezogen; in einer Nahsicht werden Staffeleien, Bleistifte, Linsen, Prismen verfremdet thematisiert und als Skulpturen oder Reliefs plastisch umgesetzt, während Jakob Mattner in einer Art Fernsicht das Sehen darstellt, z.B. in seinen „Kamera-Selbstportraits“. Der Mond, die Sonne, das Schwarze Loch, das Universum rückt Mattner in den Focus, der eher in der Ferne, im Universum liegt – während Mary Bauermeister mit ihren runden Linsen noch näher an die Schrift und die Zeichen heranrückt, fast bis zur Unlesbarkeit auf Grund der Nähe.

Mary Bauermeister (geboren 1934 in Frankfurt, lebt bei Köln) war eine der prägenden Figuren der Avantgarde-Szene im Rheinland der frühen 60er Jahre, ihr Atelier ein Zentrum der neuen Künste sowohl in der Musik, wie Kunst oder Architektur, sie konzipierte mit Karlheinz Stockhausen „Originale“ in Köln 1961 und trat neben Hans G Helms und Nam June Paik als „Malerin“ auf.

Ihre erste Ausstellung im Stedelijk Museum Amsterdam sowie die erfolgreichen Präsentationen in der Galerie Bonino in New York ab 1964 zeigen die „Malerischen Strukturen“, organische Reihen, geschichtete Steine, aus denen sie kleine wie große Reliefs entwickelte. Ihre Linien-Zeichnungen erinnern an musikalische Partituren wie an Dada-Gedichte, Wort und Bild werden eins, kleine und große Linsen akzentuieren die Bildflächen, die zu Kästen, zu Schränken, ja zu ganzen Räumen wachsen. Staffeleien und riesige Bleistifte stellen sich selbst verändernd dar, die Objekte erhalten ihr poetisches Eigenleben, die Natur wächst wie die großen Stoff-Bilder. Es sind die Spuren intensiv gelebten Lebens mit ihren Verdichtungen und Öffnungen. Meditativ Musikalisches wird verwebt mit strukturell Strengem, Fließendes mit Natürlichem, große Gärten werden gestaltet wie kleine Zeichnungen als Gedankeninseln.

In ihrem 80. Lebensjahr erlebt sie jetzt auch in Deutschland die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Man spürt noch heute eine ungebrochene Kreativität, Lebenslust und Lebenskraft, die ein multifokales Werk hervorgebracht hat, das erst spät, vergleichbar wie bei Meret Oppenheim oder Louise Bourgeois Anerkennung und angemessene Museums- und Galerie-Präsenz findet.

Das Werk von Jakob Mattner (1946 in Lübeck geboren, lebt in Berlin) wird seit der Zeit um 1970 kontinuierlich ausgestellt in Galerien (Carpenter & Hochman New York), Kunstvereinen (Münster „In der Mitte ist die Nacht“ 1980 oder der Kestner-Gesellschaft Hannover 1988), Biennale SITE Santa Fee (1995), Museen („Der Blick in die Sonne“, Wiesbaden, Bremen und Berlin 2005/6) bis hin zum aktuell letzten „Künstler“-Lexikon-Heft, geschrieben von Thomas Deecke 2013.

In seinen Licht-Skulpturen spiegeln Glasscheiben geometrische, räumlich erscheinende Schattengebilde auf die Wandflächen. Die zum Teil wandgroßen „Zeichnungen“ wachsen aus den kontrollierten, aber frei sich entwickelnden Arbeitsprozessen des Schüttens, des Wachsens – Kaffeesatz oder Wasser. Das Verfließen der Formen wird gestoppt, angehalten in einem Gestaltungs-Moment. Assoziationen zu Landschaftlichem, ob Eisflächen, Sanddünen oder Spiegelungen der Baumgruppen im Wasser bleiben doch fast ungegenständlich, offen. Das Changieren zwischen Gegenstand und Struktur, Gesehenem und Erfundenem, Gestaltetem und sich selbst Bildendem (in Annäherung an Friedlieb Ferdinand Runges 1855 erschienene Schrift „Der Bildungstrieb der Stoffe“!) interessiert Jakob Mattner. Das Kommen und Gehen der Bewegung, die dann in einem bestimmten Moment eingefroren ist, das Mobile, das statisch wird, Das Schwarze, das beginnt zu leuchten - solche kosmischen Momente sind die geistige Grundlage der vielfältigen Arbeiten von Jakob Mattner.

Text: Wulf Herzogenrath

Am 29. Oktober, 18.30 Uhr wird ein Gespräch zwischen Mary Bauermeister und Jakob Mattner, moderiert von Wulf Herzogenrath, stattfinden, in dem die ‚Resonanzen’ zwischen den beiden Künstlern hinterfragt und diskutiert werden.

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14 September 2013 - 12 November 2013
Opening: 13 September 2013, 6 p.m.

An exhibition featuring the works of Mary Bauermeister and Jakob Mattner may evoke astonishment and certainly provide a compelling and stimulating look at two current artistic positions that will be given new life in the halls of 401contemporary, Berlin, with Resonanzen.

Mary Bauermeister is interested in the day, the substance of prism beams, luminescence. Jakob Mattner, on the other hand, is fascinated by the night, the twilight, the intermediate tones. The cosmic, the macro and microcosm – this is where the key subject matters of these two very different artists meet. Both are interested in the structures created by nature and in questions about the role played by chance – as well as the artist – in designing images and forms.

The starting point for both artists is nature as an educator, nurturer and creator; both focus on vision and the tools and materials associated with vision. Mary Bauermeister does so in a way that is very direct and focused on the object; easels, pencils, lenses, prisms are addressed get alienated in close vision, enlarged images and implemented three-dimensionally in the form of sculptures or reliefs. Jakob Mattner, on the other hand, depicts a sort of distance vision, e.g. in his “camera self-portraits”. Mattner shifts the focus to faraway places, to the moon, the sun, the black hole, the universe – while Mary Bauermeister zooms in even closer on the writing and characters with her round lenses, almost to the point where they are completely illegible due to the close proximity.

Mary Bauermeister (born in 1934 in Frankfurt and currently lives near Cologne) was one of the formative figures of the avant-garde scene in the Rhineland in the early 1960s. Her studio was a centre for “new arts”, in music, as well as art and architecture. She teamed up with Karlheinz Stockhausen to create “Originale” (Originals) in Cologne in 1961 and appeared alongside Hans G Helms and Nam June Paik as “The Painter”.

Her first exhibition in the Stedelijk Museum Amsterdam and successful shows in the Bonino Gallery in New York starting in 1964 featured the “Malerische Strukturen” (Picturesque Structures) – organic tiers, stratified rocks from which she developed both large and small reliefs. Her line drawings are reminiscent of both musical scores and Dada poetry; words and images become one, small and large lenses accentuate the projection surfaces, which are transformed into boxes, cabinets, even entire rooms. Easels and enormous pencils appear to change shape. The objects retain their own poetic life and the natural world grows like the large substantive images. These are the traces of a life lived to the fullest with their compressions and openings. Meditative music is interwoven with the rigid structures, the free flowing with the natural, large gardens are designed like small drawings as islands of thought.

As she approaches her 80th birthday, Bauermeister is now finally starting to get the attention she deserves in Germany. Even today, you can still sense the undaunted creativity, love of life and vitality generated by a multifocal oeuvre – one that has been recognised and received the appropriate level of museum and gallery time rather late in the game, similar to the experience of Meret Oppenheim or Louise Bourgeois.

Since around 1970, the work of Jakob Mattner (born in 1946 in Lübeck and lives in Berlin) has been continuously exhibited in galleries (Carpenter & Hochman New York), art societies (“In der Mitte ist die Nacht” – In the Centre is the Night – in Münster in 1980 and the Kestner Gesellschaft in Hanover in 1988), the Biennale SITE Santa Fe (1995), museums (“Der Blick in die Sonne” – Gazing at the Sun, Wiesbaden, Bremen and Berlin 2005/6), right up to latest artist lexicon written by Thomas Deecke in 2013.

In his light sculptures, glass panels reflect geometric shadows that take on a three-dimensional appearance on the walls. These “drawings”, which are sometimes as large as the wall itself, emerge from the controlled, but freely progressing processes of pouring and growth – coffee grounds or water. The flow of forms is stopped, paused in a moment of creation. Associations with landscapes, be it frozen surfaces, sand dunes or reflections of tree groves in the water, still remain almost immaterial and openended. Jakob Mattner is interested in the oscillation between object and structure, between that which is seen and that which is imagined, that which is designed and that which forms of its own accord (approaching Friedlieb Ferdinand Runge’s work “Der Bildungstrieb der Stoffe” – The Formative Tendency of Substances – which was published in 1855!) The waxing and waning of motion, which is then frozen at a particular moment in time; the mobile, which becomes static; the darkness, which begins to shine – these cosmic moments form the intellectual foundation of the comprehensive oeuvre of Jakob Mattner.

Text: Wulf Herzogenrath

A conversation between Mary Bauermeister and Jakob Mattner will take place on 29 October at 6:30 p.m., moderated by Wulf Herzogenrath, in which they will discuss and scrutinise the ‘resonances’ between the two artists.